Wer durch Nordfriesland fährt, kennt diese eigentümliche Erfahrung: Der Blick findet kaum einen Haltepunkt. Himmel, Wiesen und Horizont scheinen sich gegenseitig Raum zu geben. Und dann liegt dort Seebüll. Üppig, farbig, beinahe trotzig. Genau an diesem Gegensatz setzt Kirsten Jünglings „Der Garten von Ada und Emil Nolde – Geschichte und Gegenwart“ an. Das Buch handelt von Emil Nolde, aber eben nicht nur vom Maler. Es handelt von einem Garten, von Ada Nolde, von Landschaft und von der Frage, wie Menschen einen Ort nach ihren Vorstellungen formen.
Das ist spannender, als „Künstlergarten“ zunächst klingen mag. Denn Seebüll war kein dekorativer Vorgarten eines berühmten Mannes. Ada und Emil Nolde schufen hier seit den späten 1920er-Jahren einen Lebens- und Arbeitsort, an dem Haus, Garten, Landschaft und Kunst aufeinander reagierten. Die Stiftung versteht Seebüll bis heute als Gesamtkunstwerk; für Jünglings Buch öffnete sie ihr Archiv mit historischen Fotografien, Plänen und Dokumenten. Rund 100 Farbabbildungen begleiten den Text.
Ganz persönlich
Ich erinnere mich, wie für in den späten 80ern oder den frühern 90ern mit einem Teil meiner Familie Seebüll und das Nolde-Museum besuchten. Wir waren alle sehr angetan, denn es war außerdem ein sonniger Sommertag, frisch und warm, wie er sein soll. Jedenfalls in meiner Erinnerung. Die Frau meines Großcousins, Dieter Zimmerling, eines Kulturjournalisten und Autors, stammte aus Nordfriesland, meine ich. Geborene Hundt. Auf einer Karte der Gegend in dem Buch ist ein Landstrich zu sehen, der Hundt benannt ist. Das wusste ich nicht. Eigentlich stammte Meike aus Büsum und das ist Dithmarschen. Aber für uns Hamburger …
Jedenfalls war das ein wundervoller Ausflug an die dänische Grenze. Und es ist immer noch ein Kleinod dort. Ich werde wieder hinreisen. In meinem Herzen ist es mit warmen, wundervoller Erinnerung nach Christa, meine Omi und diesen Ausflug mit den Zimmerlings.
Ein Künstlergarten als Gegenentwurf zur Landschaft
Gerade Nordfriesland macht den Nolde-Garten so interessant. Gegen die flache, vom Meer geprägte Landschaft steht eine erstaunliche Verdichtung von Farben, Formen und Pflanzen. Rittersporn, Sonnenblumen, Lupinen und Gladiolen gehören zu jener Pflanzenwelt, die im Garten ebenso ihren Platz fand wie später in Noldes Bildern. Selbst die Wege wurden Teil der Inszenierung: Ihre Führung nimmt die Initialen A und E von Ada und Emil auf.
Jüngling beschreibt damit nicht einfach Gartenbaugeschichte. Sie liest Seebüll als kulturellen Entwurf. Der Garten ist Natur und zugleich das Gegenteil unberührter Natur: geplant, bepflanzt, geordnet, farblich komponiert. Darin liegt eine reizvolle Spannung. Wer das Buch liest, beginnt zu verstehen, weshalb die Blumenbilder Noldes nicht losgelöst von diesem Ort betrachtet werden sollten.
Ada Nolde rückt näher an die Geschichte Seebülls
Der Titel ist klug gewählt, weil er Ada ausdrücklich nennt. Der Garten war der Garten von Ada und Emil Nolde. Das klingt selbstverständlich, korrigiert aber nebenbei jene kunsthistorische Gewohnheit, Lebenswelten berühmter Künstler fast ausschließlich aus der Perspektive des männlichen Genies zu erzählen. Jüngling beschreibt eine gemeinsam geschaffene Umgebung und gibt damit auch dem Privaten kulturgeschichtliches Gewicht.
Besonders überzeugend ist ihre Perspektive dort, wo Garten, Biografie und künstlerische Selbstinszenierung ineinandergreifen. Der Verlag hebt ausdrücklich hervor, dass Seebüll nicht allein Inspirationsraum war, sondern auch ein Instrument von Noldes künstlerischer Selbstpositionierung. Das verändert den Blick: Ein Künstlerhaus ist eben nicht bloß die Kulisse, vor der Kunst entsteht. Es kann selbst Teil des Bildes sein, das ein Künstler von sich für die Nachwelt entwirft.
Nolde lesen, ohne die dunkle Geschichte auszublenden
Das ist bei Emil Nolde besonders wichtig. Die Schönheit von Seebüll darf nicht dazu verführen, aus dem Maler wieder jene unpolitische Künstlerfigur zu machen, als die er nach 1945 lange wahrgenommen wurde. Jüngling ist für diese Aufgabe eine bemerkenswert passende Autorin. Bereits 2013 veröffentlichte sie mit „Die Farben sind meine Noten“ eine vielbeachtete Nolde-Biografie. Der neue Band konzentriert sich auf den Garten, kommt also mit einer Autorin, die den biografischen und historischen Hintergrund ihres Gegenstands kennt.
Gerade dadurch kann man dieses Buch auch als Einladung verstehen, Widersprüche auszuhalten. Ein problematischer Künstler kann einen überwältigend schönen Garten geschaffen haben. Ästhetische Erfahrung löscht historische Verantwortung nicht aus. Umgekehrt muss die kritische Auseinandersetzung mit Nolde nicht bedeuten, dass jeder Aspekt seines Werks und Lebens auf seine Verstrickung in den Nationalsozialismus reduziert wird.
Warum Seebüll weit über Emil Nolde hinausweist
Am Ende ist „Der Garten von Ada und Emil Nolde“ deshalb auch ein Buch über Nordfriesland. Seebüll widerspricht der Vorstellung, kulturelle Innovation brauche zwingend die Großstadt. Hier entstand am Rand, nahe der deutsch-dänischen Grenze, ein Ort mit weitreichender kunsthistorischer Bedeutung.
Und vielleicht liegt genau darin der besondere Reiz dieses 128 Seiten starken Bandes: Du kannst ihn als Gartenbuch lesen, als kunsthistorische Publikation, als Porträt eines Lebensortes oder als Anregung für die nächste Reise in den Norden. Die historischen Dokumente und gegenwärtigen Fotografien verbinden Vergangenheit und Gegenwart, ohne Seebüll zum bloßen Denkmal erstarren zu lassen.
Wer Gärten liebt, wird vermutlich länger bei den Pflanzen verweilen. Wer Nolde kennt, wird seine Blumenbilder mit anderen Augen betrachten. Und wer Nordfriesland liebt, erkennt vielleicht etwas Grundsätzliches wieder: Gerade dort, wo die Landschaft scheinbar wenig vorgibt, kann der menschliche Wunsch nach Farbe umso kraftvoller werden.

Der Garten von Ada und Emil Nolde: Geschichte und Gegenwart
von Kirsten Jüngling
128 Seiten, Klinkhardt & Biermann Verlag 2026
ISBN 3911881010
Preis: 30,- Euro

