Lieblingsleichen: Wenn Hamburgs Idylle mörderische Risse bekomm

Buchcover: Lieblingsleichen
Lieblingsleichen

Kester Schlenz und Jan Jepsen brauchen in „Lieblingsleichen“ nicht lange, um Hamburgs Postkartenidylle zu beschädigen. Ein Obdachloser wird in der Speicherstadt ermordet, getötet mit einem Bolzenschussgerät. Bei ihm liegt eine zynische Botschaft: „Lieblingsleiche Nr. 1“. Bald wird klar, dass dies kein einzelnes Verbrechen bleibt. Noch perfider ist die Inszenierung: Im Miniatur Wunderland tauchen kleine Figuren auf, die reale Morde vorwegnehmen.

Das ist eine starke Krimi-Idee, weil die Autoren zwei Hamburg-Bilder gegeneinander schneiden. Hier die weltberühmte Miniaturattraktion, sorgfältig gebaut, kontrollierbar und bestaunenswert. Dort eine Großstadt, in der Menschen auf der Straße leben und schnell aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwinden. Ausgerechnet die winzigen Kunststofffiguren erhalten jene Aufmerksamkeit, die den späteren Opfern zu Lebzeiten fehlt. In diesem Widerspruch steckt die eigentliche Kraft des Romans.

Ein Hamburg-Krimi zwischen Verbrechen und Verdrängung

Kommissar Thies Knudsen und Dörte Eichhorn übernehmen die Ermittlungen. Auch Knudsens Freund Oke Andersen, genannt La Lotse, gerät wieder mitten ins Geschehen. Wer die Reihe kennt, trifft damit vertraute Figuren; wer mit „Lieblingsleichen“ einsteigt, kann der Handlung dennoch folgen. Der Roman ist Band vier der Knudsen/La-Lotse-Serie, funktioniert aber weitgehend eigenständig.

Schlenz und Jepsen schreiben knapp, dialogstark und mit trockenem norddeutschem Humor. Das tut dem Roman gut. Denn das gesellschaftliche Thema ist schwer: Obdachlosigkeit, Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und die Frage, wie weit sprachliche Verrohung den Boden für reale Gewalt bereitet. „Lieblingsleichen“ wird dabei nie zu einem nüchternen Thesenpapier. Die Autoren bleiben Krimiautoren und setzen auf Tempo, Figuren und konkrete Schauplätze.

Menschenverachtung wird zur eigentlichen Tatwaffe

Besonders eindringlich wird der Kriminalroman dort, wo er den Blick auf Menschen am Rand der Gesellschaft richtet. Die Opfer dienen nicht lediglich als Material für eine Mordserie. Hinter Wohnungslosigkeit stehen Biografien, Brüche und Abhängigkeiten. Mit Leonie bekommt dieses Milieu ein persönliches Gesicht. Ihre Verbindung zu Maria, der Tochter von La Lotse, zieht die gesellschaftliche Ebene schließlich tief in das private Leben der Hauptfiguren.

Gleichzeitig formuliert der Roman seine politische Haltung sehr deutlich. Die Spur führt in ein rechtsextremes Umfeld, dessen Vorstellung einer „sauberen“ Stadt erschreckend nah an realen Formen von Ausgrenzung liegt. Gerade 2026 wirkt diese Verbindung nicht wie ein beliebiger Thrillerkniff. „Lieblingsleichen“ fragt vielmehr, wann aus Verachtung Zustimmung und aus Zustimmung Gewalt werden kann.

Spannung mit Schwächen bei der kriminalistischen Überraschung

Ganz ohne Einwand bleibt die Konstruktion allerdings nicht. Wer einen raffinierten Whodunit mit ständig wechselnden Verdächtigen erwartet, dürfte irgendwann ahnen, wohin die Reise geht. Täterkreis und politische Motivation werden vergleichsweise früh konturiert. Auch andere Rezensionen haben die Vorhersehbarkeit des kriminalistischen Verlaufs kritisch angemerkt.

Das kostet klassische Rätselspannung, aber nicht zwingend Wirkung. Denn zunehmend lautet die entscheidende Frage weniger „Wer war es?“ als „Wie weit werden diese Menschen gehen?“. Dadurch verschiebt sich „Lieblingsleichen“ vom Detektivrätsel zum gesellschaftspolitischen Spannungskrimi. Der dramatische Verlauf Richtung Sachsenwald funktioniert gerade deshalb, weil längst mehr bedroht ist als die professionelle Distanz der Ermittler.

Warum Lieblingsleichen mehr als Lokalkolorit bietet

Hamburg ist dabei weit mehr als dekorative Kulisse. Speicherstadt, Miniatur Wunderland und andere Schauplätze geben dem Roman einen hohen Wiedererkennungswert, ohne dass daraus eine touristische Stadtrundfahrt mit Leichenbegleitung wird. Das Hamburg von Schlenz und Jepsen besitzt Glanz und Schatten, Wohlstand und Elend, Weltoffenheit und Ressentiment gleichzeitig.

„Lieblingsleichen“ ist deshalb besonders stark, wenn der Krimi seine eigene makabre Grundidee ernst nimmt: Welche Toten interessieren uns – und welche übersehen wir? Dass ausgerechnet Miniaturleichen mediale Aufmerksamkeit erzeugen, während reale Obdachlose gesellschaftlich unsichtbar werden können, ist ein bitterer Einfall. Der Roman lässt sich flott lesen, doch sein Thema verschwindet nach der letzten Seite nicht so schnell. Wer Hamburg-Krimis mit Haltung, trockenem Humor und gesellschaftlicher Reibung mag, bekommt hier einen spannenden vierten Fall – auch wenn die kriminalistische Überraschung nicht seine größte Stärke ist.

lieblingsleichen

Lieblingsleichen – Ein neuer Fall für Kommissar Knudsen und seinen Freund La Lotse

von von Kester Schlenz und Jan Jepsen
320 Seiten, btb Verlag 2026
ISBN 3442775140
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Leseprobe “Lieblingsleichen”

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