„Co“: Ein Roman über Co-Abhängigkeit, Sucht und Selbstverlust

Buchcover: „Co“ - Roman über Co-Abhängigkeit
Co von Rina Schmeller

Eine Begegnung auf einer Brücke steht am Anfang. Zwei Menschen erkennen etwas ineinander, verlieben sich, entscheiden sich füreinander. Es könnte der Beginn einer Liebesgeschichte sein. Eigentlich ist es das sogar. Nur gibt es von Anfang an einen Dritten in dieser Beziehung: den Alkohol. Der Mann, den die Ich-Erzählerin liebt, ist abhängig. Und während er immer stärker um die Droge kreist, beginnt sie, um ihn zu kreisen. Rina Schmellers „Co“ erzählt von Co-Abhängigkeit deshalb nicht als Randerscheinung einer Suchterkrankung, sondern als eigenes Gefängnis.

Gerade darin liegt die literarische Kraft dieses nur 208 Seiten langen Romans. Schmeller interessiert sich weniger für spektakuläre Abstürze als für jene kaum merklichen Verschiebungen, durch die ein Mensch sich selbst verliert. Die Erzählerin organisiert, entschuldigt, kontrolliert, hofft, flieht und kehrt zurück. Grenzen werden verschoben, bis kaum noch erkennbar ist, wo sie einmal lagen. Selbst Gewalt führt nicht automatisch zum endgültigen Bruch. Von außen mag das unverständlich wirken. Aus der Perspektive der Erzählerin entwickelt es jedoch eine beklemmende Logik.

Co-Abhängigkeit beginnt dort, wo das eigene Ich verstummt

Besonders eindringlich wird „Co“, wenn Schmeller die psychologische Mechanik der Co-Abhängigkeit in scheinbar nebensächlichen Situationen verdichtet. Die Erzählerin denkt voraus, kalkuliert Alkoholmengen und richtet Entscheidungen danach aus, was den nächsten Kontrollverlust ihres Partners verhindern könnte. Sein Trinken strukturiert längst auch ihr Denken.

Schmeller hat in Interviews beschrieben, wie weit dieser Verlust des eigenen Bezugssystems reichen kann. Eine Schlüsselszene des Romans führt die Erzählerin in eine Suchtberatungsstelle. Auf die Frage, wie es ihr selbst gehe, fehlt ihr beinahe die innere Sprache. Jahrelang hat sie über ihn gesprochen, für ihn gedacht und auf ihn reagiert. Das eigene Ich ist dabei unscharf geworden. Genau hier bekommt Co-Abhängigkeit eine Dimension, die weit über den Begriff des „Helfens“ hinausreicht.

Sprachliche Präzision statt großer Leidensgesten

Bemerkenswert ist, wie konsequent Schmeller Sentimentalität vermeidet. Ihre Sprache ist konzentriert, rhythmisch und stellenweise beinahe spröde. Sie zwingt Gefühle nicht in dramatische Höhepunkte. Das Grauen entsteht vielmehr aus Wiederholung: trinken, hoffen, eskalieren, fliehen, zurückkehren. Die Kreisbewegung der Co-Abhängigkeit wird damit zur erzählerischen Form.

Das verlangt dir als Leser einiges ab. Man möchte die Erzählerin mitunter geradezu aus ihrer eigenen Geschichte herausziehen. Warum geht sie zurück? Warum übernimmt sie weiterhin Verantwortung? Warum genügt nicht ein einziger Moment der Erkenntnis? „Co“ verweigert darauf die bequeme Antwort. Erkenntnis und Handlung sind nicht dasselbe. Wer emotional, organisatorisch und psychisch in einer Abhängigkeit verstrickt ist, verlässt kein Gebäude durch eine Tür, die plötzlich sichtbar geworden ist.

Zwischen Mitgefühl, Verantwortung und Selbstsabotage

Gerade hier wird der Roman unbequem. Schmeller reduziert die Erzählerin nicht auf eine passive Opferfigur. Ihre Co-Abhängigkeit besteht auch aus eigenen Entscheidungen, Ritualen und Zwängen. Das ist keine Schuldzuweisung. Vielmehr interessiert den Roman die schwierigere Frage: Was geschieht, wenn Fürsorge in Kontrolle kippt und Mitgefühl zur Selbstzerstörung beiträgt?

Damit berührt „Co“ eine gesellschaftlich relevante Leerstelle. Über Suchterkrankungen wird inzwischen offener gesprochen, über das Leben der Angehörigen deutlich seltener. Dabei verändert Alkoholabhängigkeit ganze Beziehungssysteme. Partner, Kinder, Eltern und Freunde entwickeln Strategien, um den Alltag aufrechtzuerhalten – und können dabei ihre eigenen Bedürfnisse immer weiter aus dem Blick verlieren.

Aus der Co-Abhängigkeit zurück ins eigene Leben

Dass „Co“ schließlich auch von Befreiung handelt, macht den Roman nicht zu einer simplen Erfolgsgeschichte. Schmeller erzählt den Ausstieg aus der Co-Abhängigkeit als Prozess voller Schleifen. Freiheit kommt nicht mit einem heroischen Entschluss. Sie wächst, während die Erzählerin langsam wieder lernt, sich selbst wahrzunehmen.

Gerade deshalb bleibt das Buch lange im Kopf. „Co“ erklärt Co-Abhängigkeit nicht wie ein Ratgeber und liefert keine Patentrezepte. Der Roman macht ihre innere Logik literarisch nachvollziehbar. Das ist womöglich wertvoller: Du verstehst nach der Lektüre besser, warum „Dann geh doch einfach“ keine ernsthafte Antwort auf eine zerstörerische Beziehung sein kann.

Rina Schmeller hat einen schmalen, konzentrierten Roman geschrieben, der Liebe nicht romantisiert und Abhängigkeit nicht auf einfache Täter-Opfer-Muster reduziert. „Co“ handelt vom Alkohol, vor allem aber vom Verschwinden eines Ichs im Leben eines anderen Menschen – und von der mühsamen Rückkehr zu sich selbst.

Buchcover: „Co“ - Roman über Co-Abhängigkeit

Co – Roman

von Rina Schmeller
208 Seiten, Penguin Verlag 2026
ISBN 332860474X
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“Co” Leseprobe

Interview mit der Autorin Rina Schmeller

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