Ein Abend auf Kampnagel, der bei mir hängen geblieben ist: Alice Hasters liest beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel in der Waldbühne aus ihrem neuen Buch Anti Opfer. Warum wir Verletzlichkeit verachten. Es war Lesung, Interview, Gespräch – und einer dieser Abende, bei denen plötzlich vieles zusammenpasst.
Hasters beschreibt ein Phänomen, das uns inzwischen beinahe täglich begegnet: Unsere Gesellschaft redet ständig über Opfer, aber immer häufiger mit Verachtung. Menschen sollen sich nicht so anstellen, nicht jammern, nicht empfindlich sein. Rücksichtnahme erscheint schnell als Zumutung, Empathie als übertrieben und Verletzlichkeit als Schwäche. Gleichzeitig erleben wir politische Bewegungen, die Härte, Stärke und Eigenverantwortung beschwören und sich selbst doch unablässig als Opfer und Anti Opfer darstellen.
Genau dieser Widerspruch steht im Zentrum des Buches.
Das Anti-Opfer verachtet Opfer – und erklärt sich selbst zum Opfer
Hasters nennt diese Figur das Anti Opfer. Es verachtet Menschen, die über Diskriminierung, Benachteiligung oder Verletzungen sprechen. Gleichzeitig empfindet es Forderungen nach Gleichberechtigung oder gesellschaftlicher Veränderung schnell als Angriff auf sich selbst.
Frauen fordern Gleichberechtigung, und plötzlich heißt es, Männer würden benachteiligt. Menschen sprechen über Rassismus, und einige derjenigen, die damit konfrontiert werden, fühlen sich nun selbst angegriffen. Queere Menschen verlangen Sichtbarkeit und gleiche Rechte, und schon wird daraus die Erzählung, anderen werde etwas aufgezwungen.
Eine der für mich stärksten Erkenntnisse des Buches liegt genau darin: Der Verlust von Privilegien oder gesellschaftlicher Dominanz kann als eigene Unterdrückung erlebt werden. Wer gewohnt war, dass die eigene Perspektive selbstverständlich im Mittelpunkt steht, kann Gleichberechtigung plötzlich als persönlichen Verlust empfinden.
Damit lassen sich erstaunlich viele politische Auseinandersetzungen unserer Zeit besser verstehen.
Trump und die Inszenierung des verfolgten starken Mannes
Donald Trump ist dafür ein geradezu prototypisches Beispiel. Kaum ein Politiker inszeniert sich so konsequent als stark, überlegen, erfolgreich und unbesiegbar. Gleichzeitig erzählt er permanent davon, verfolgt und ungerecht behandelt zu werden – von Gerichten, Medien, politischen Gegnern, Institutionen und einem angeblichen „Deep State“.
Das scheinbare Paradox löst sich im Modell des Anti-Opfers auf. Man kann sich gleichzeitig als der stärkste Mensch im Raum inszenieren und behaupten, von allen verfolgt zu werden. Mehr noch: Die eigene Stärke gewinnt gerade dadurch an Bedeutung, dass angeblich mächtige Gegner alles versuchen, einen zu vernichten.
Diese Erzählung ist längst nicht auf die USA beschränkt.
Auch die AfD erzählt eine Geschichte des Verlustes
Bei der AfD begegnet uns eine ähnliche Struktur. Deutschland werde zerstört, die eigene Kultur verschwinde, Migration bedrohe das Land, Feminismus habe Männer entmachtet, queere Lebensweisen würden anderen aufgezwungen. Gesellschaftlicher Wandel erscheint nicht als Veränderung, über die man streiten kann, sondern als Angriff.
Das politische Versprechen lautet dann: Wir stellen die alte Ordnung wieder her. Wir sorgen wieder für klare Grenzen, eindeutige Zugehörigkeiten, traditionelle Geschlechterrollen und bekannte Hierarchien.
Gerade darin liegt eine enorme populistische Kraft. Komplizierte wirtschaftliche, soziale und kulturelle Veränderungen bekommen plötzlich eine einfache Erklärung. Es gibt Schuldige. Und sobald es Schuldige gibt, muss man sich mit den eigenen Ängsten und Widersprüchen weniger beschäftigen.
Hasters’ Analyse hilft dabei zu verstehen, warum eine Politik der Kränkung so erfolgreich sein kann.
Feminismus, Männerbilder und die Manosphere
Besonders spannend finde ich, wie Hasters diese politische Entwicklung mit Feminismus und heutigen Männerbildern verbindet. In Teilen der sogenannten Manosphere wird jungen Männern ein widersprüchliches Ideal angeboten: Sie sollen stark sein, dürfen keine Schwäche zeigen, müssen sich durchsetzen und dürfen sich auf niemanden verlassen. Gleichzeitig wird ihnen erzählt, Feminismus und Frauen hätten ihnen etwas weggenommen und Männer seien inzwischen die eigentlichen Verlierer der gesellschaftlichen Entwicklung.
Wieder begegnet uns dasselbe Muster: Die Opferrolle wird verspottet und zugleich intensiv genutzt. Anti Opfer.
Das macht die Analyse auch psychologisch interessant. Denn unter demonstrativer Härte können Kränkung, Unsicherheit, Einsamkeit, Angst vor Bedeutungsverlust oder das Gefühl liegen, im eigenen Leben nicht den Platz gefunden zu haben, den man erwartet hatte. Solche Gefühle verschwinden nicht dadurch, dass man sie verleugnet. Sie können sich verwandeln – in Wut, Abwertung und die Suche nach Schuldigen.
Genau an dieser Stelle wurde das Buch für mich besonders spannend.
Politik beginnt nicht erst im Parlament
Ich glaube, dass Lösungen für viele unserer gesellschaftlichen Probleme viel früher beginnen, als wir gewöhnlich über Politik nachdenken. Natürlich brauchen wir Gesetze, demokratische Institutionen, soziale Sicherheit, Bildung und politische Programme. Aber all das wird von Menschen gemacht. Und Menschen bringen ihre Geschichte mit.
Jeder von uns trägt Erfahrungen, Verletzungen, Kränkungen, Ängste, Scham, Verluste und unerfüllte Bedürfnisse in sich. Wir bringen unsere Kindheit mit, unsere Familiengeschichten, unsere Beziehungen und die Erfahrungen, die unser Bild von uns selbst und von anderen Menschen geprägt haben.
Wenn wir diese Dinge nicht reflektieren und aufarbeiten, verschwinden sie nicht. Wir nehmen sie mit in unsere Partnerschaften, in Familien, an den Arbeitsplatz, in Diskussionen und schließlich auch in politische Entscheidungen. Wir interpretieren die Gegenwart durch unsere eigene Geschichte.
Deshalb halte ich persönliche Entwicklung keineswegs für eine rein private Angelegenheit. Sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen kann gesellschaftliche Bedeutung haben.
Woher kommt meine Wut? Was verletzt mich? Wovor habe ich Angst? Warum fühle ich mich bedroht, wenn andere Menschen Rechte bekommen? Warum brauche ich bestimmte Feindbilder? Was hat tatsächlich mit der Gegenwart zu tun – und was bringe ich aus meiner eigenen Vergangenheit mit?
Das sind für mich politische Fragen.
Verletzungen verschwinden nicht, weil wir sie ignorieren
Vielleicht ist das eine der wichtigsten Verbindungen, die ich aus „Anti Opfer“ mitnehme: Verletzlichkeit ist keine Schwäche, die man einfach abschaffen könnte. Sie gehört zum Menschsein.
Wir können verlassen werden, scheitern, krank werden, gedemütigt werden, jemanden verlieren oder erleben, dass unser bisheriges Selbstbild nicht mehr funktioniert. Die Frage ist nicht, ob wir verletzlich sind. Die Frage ist, wie wir damit umgehen.
Wir können die eigene Verletzlichkeit wahrnehmen und versuchen zu verstehen, was sie mit uns macht. Oder wir können sie abwehren und nach außen richten.
Dann wird aus der eigenen Kränkung möglicherweise die Behauptung, andere seien schuld. Aus Unsicherheit wird Abwertung. Aus Angst wird Aggression. Und aus persönlichen Konflikten können politische Feindbilder entstehen.
Damit erklärt man selbstverständlich nicht den gesamten Rechtspopulismus. Ökonomische Verhältnisse, gesellschaftliche Machtstrukturen, Medien, Parteien und politische Strategien spielen eine große Rolle. Aber die psychologische Ebene auszublenden, halte ich ebenfalls für einen Fehler.
Politik wird schließlich von Menschen gemacht.
Ein Opfer ist kein besserer Mensch
Sehr wichtig finde ich dabei, dass Hasters Opfer nicht verklärt. Wer Opfer eines Unrechts geworden ist, wird dadurch nicht automatisch ein guter, sympathischer oder moralisch überlegener Mensch. Ein Opfer kann schwierig, wütend, widersprüchlich oder unsympathisch sein.
Das ändert nichts daran, dass ihm Unrecht widerfahren sein kann.
Gerade diese Unterscheidung scheint gesellschaftlich erstaunlich schwerzufallen. Von Opfern erwarten wir häufig eine bestimmte Rolle. Sie sollen betroffen sein, aber nicht zu laut. Sie dürfen emotional sein, aber nicht aggressiv. Sie sollen sichtbar werden, aber bitte nicht zu viel Aufmerksamkeit verlangen.
Sobald jemand nicht unserer Vorstellung vom „richtigen Opfer“ entspricht, beginnt schnell eine Debatte über die Person statt über das, was ihr widerfahren ist.
Hasters verschiebt den Blick zurück auf die entscheidende Frage: Was ist passiert?
Die Alternative zu Härte ist nicht Schwäche
Ein weiterer Gedanke des Buches gefällt mir besonders: Die Antwort auf die gesellschaftliche Verherrlichung von Härte besteht nicht darin, Menschen jede Verantwortung abzunehmen.
Hasters stellt der Idee des vollkommen unabhängigen Menschen die Verbundenheit gegenüber.
Wir sind aufeinander angewiesen. Kein Mensch erzieht sich selbst. Niemand bildet sich vollkommen allein aus. Wir brauchen andere Menschen, Beziehungen, Infrastruktur, medizinische Versorgung, Bildung, Kultur und Gemeinschaft. Selbst der überzeugteste Individualist lebt von Voraussetzungen, die andere geschaffen haben.
Unabhängigkeit ist deshalb immer relativ.
Für mich ist es eine wesentlich erwachsenere Vorstellung von Stärke, sagen zu können: Ich kann Verantwortung übernehmen und trotzdem Hilfe brauchen. Ich kann selbstbewusst sein und trotzdem verletzlich. Ich kann anderen zuhören, ohne mich selbst aufzugeben. Und mir wird nichts weggenommen, wenn andere Menschen dieselben Rechte bekommen wie ich.
Persönliche Entwicklung ist auch gesellschaftliche Arbeit
Hier führt das Anti Opfer für mich weit über eine Analyse von AfD, Trump oder Antifeminismus hinaus.
Ich glaube, dass gesellschaftliche Veränderung unvollständig bleibt, solange wir nur über Strukturen sprechen und nicht über die Menschen innerhalb dieser Strukturen. Wir müssen beides tun.
Wir brauchen politische Veränderungen, wenn Strukturen ungerecht sind. Und wir brauchen Menschen, die bereit sind, ihre eigene Geschichte anzuschauen.
Denn ein Mensch, der seine eigenen Verletzungen kennt, muss sie nicht zwangsläufig an andere weitergeben. Wer eigene Ängste wahrnehmen kann, braucht vielleicht weniger Feindbilder. Wer die eigene Kränkung erkennt, muss nicht automatisch jemanden finden, den er dafür verantwortlich macht.
Das ist kein einfacher Weg und schon gar keine Garantie für eine bessere Gesellschaft. Aber ich halte ihn für einen notwendigen Teil davon.
Das klügste politische Buch unserer Zeit
Ich verwende solche großen Sätze normalerweise vorsichtig. Bei diesem Buch möchte ich ihn trotzdem schreiben: „Anti Opfer“ ist für mich das klügste politische Buch unserer Zeit.
Nicht, weil Alice Hasters damit sämtliche politischen Entwicklungen erklärt. Das kann kein Buch. Sondern weil sie verschiedene Strömungen unserer Gegenwart auf eine Weise miteinander verbindet, die mir ausgesprochen einleuchtet: Rechtspopulismus, die AfD, Trump, Antifeminismus, gesellschaftliche Hierarchien, persönliche Kränkungen und unsere Vorstellung davon, was Stärke und Schwäche eigentlich bedeuten.
Vor allem schaut sie unter die politische Oberfläche.
Unter Wut kann Angst liegen. Unter Härte Verletzlichkeit. Unter dem Wunsch nach Dominanz vielleicht die Angst vor Bedeutungslosigkeit. Und hinter der aggressiven Behauptung, andere nähmen einem etwas weg, kann eine Lebensgeschichte stehen, die bislang nie wirklich angeschaut wurde.
Seit diesem Abend auf Kampnagel beschäftigt mich diese Verbindung. Vielleicht erleben wir deshalb nicht nur einen politischen Rechtsruck. Wir erleben gleichzeitig einen Streit darüber, welches Menschenbild sich durchsetzt.
Ist der starke Mensch derjenige, der niemanden braucht, keine Schwäche zeigt und sich gegen andere durchsetzt? Oder ist Stärke auch die Fähigkeit, die eigene Verletzlichkeit anzuerkennen, Verantwortung für die eigene Geschichte zu übernehmen und trotzdem mit anderen verbunden zu bleiben?
Für mich beginnt Demokratie nicht erst im Parlament. Sie beginnt möglicherweise auch dort, wo ein Mensch bereit ist, sich selbst anzusehen.

Anti Opfer – Warum wir Verletzlichkeit verachten
von Alice Hasters
288 Seiten, Ullstein Hardcover 2026
ISBN 355020406X
Buch von Amazon liefern lassen
Leseprobe Anti Opfer
Video mit der Autorin Alice Hasters über ihr Buch Anti Opfer
Alice Hasters – “Anti Opfer” Interview

