Tod der Kiez-Legende Stefan Hentschel

Tod der Kiez-Legende Stefan Hentschel

Ex-Zuhälter und Kiez-Legende Stefan Hentschel ist tot. Er erhängte sich gestern im Box-Keller der “Ritze” auf der Hamburger Reeperbahn. Berühmt wurde der ehemalige Rotlicht-Pate vom Kiez auf St. Pauli durch die WDR-Dokumentation “Der Boxprinz” und einer Szene daraus, die als gewaltätiges Internetvideo zum Kult wurde, sowie durch eine Biographie der SPIEGEL-Redakteurin Ariane Barth Im Rotlicht. Das explosive Leben des Stefan Hentschel.

In diesen Tagen steigt die Selbsttötungsrate auf ein Jahresrekordhoch. Das christlich-kuschelige Familienfest wird für einige unerträglich, zum Todesstern, ihre Einsamkeit, Verzweiflung, Depression und Hoffnungslosigkeit treibt sie zum Äußersten. Das ist die Schattenseite dieses Festes, die man gern verdrängt. Auch unsere Suchtberatungsstellen verzeichnen an “den Tagen” danach einen tüchtigen Zuwachs an verzweifelten und hilfesuchenden Menschen. Diese Anmerkung sei mir zum Tode Hentschels kurz erlaubt.

Ich konnte Stefan Hentschel im letzten Jahr hautnah Live erleben. Eine sehr gute Freundin von mir schleppte mich auf eine kleine, ziemlich spannende Kultur-Veranstaltung auf der Reeperbahn mit, weil eine Nachbarin von ihr, die sich in der Kurverwaltung St. Pauli engagiert, aus dem Buch von Ariane Barth über Stefan Hentschel las – während selbiger zugegen war.

Wochen zuvor schickte mir ein befreundeter Kameramann den Link zu diesem unsäglichem Video, in dem Hentschel einem harmlosen, ausländischen Passanten, vor den Augen des WDR-Kamerateams, eins auf die Glocke scheppert. Es sieht lustig aus, wie er dem Hempfling eine scheuert, aber es ist ekelhaft, weil brutal und gewalttätig.

“Warte mal, ich glaube, … wie hieß der, wo wir jetzt hingehen?”, fragte ich meine Begleitung, als wir auf dem Weg zur Lesung waren. “Ich glaube, ich weiß, wer das ist … ein Arschloch!” Ich hatte zuvor noch nie von ihm gehört.

Und tatsächlich, wir kamen in das kleine Zimmer, in dem die Lesung mit Hentschel stattfand – und da saß er dann, ein Bär von einem Mann, schick im Anzug, lächelnd und feixend, mit einem Weizenbier in der Hand. 10-12 Leutchen waren wir dort. Es wurden Auszüge aus dem Buch vorgelesen. Sehr interessant. Hinterher konnte man Henschtel dazu Fragen stellen. Er hatte eine Art Bediensteten, ein christlich-bekehrter Zuhälter-Kollege, der sich um ihn kümmerte und ihm ein Weizenbier nach dem anderen brachte. Hentschel war dann angeschickert und drehte etwas auf.

Er war redselig und auskunftsfreudig, er hatte – natürlich – einen derben Humor und fühlte sich offensichtlich sehr wohl dabei, im Mittelpunkt zu stehen. Seine Sprache fand ich groß, er wusste sich auszudrücken und benutzte teilweise “Milieu-Slang”, der aber echt spannendes Deutsch ist. Es war auch eine kleine Fangemeinde angereist, vier Jungs aus Düsseldorf, die extra wegen ihm gekommen waren, wegen des besagten Videos, und die den Hentschel-Spruch aus jener Szene aus dem Video vorne auf dem T-Shirt trugen: “Ich hab’ da kein Bock drauf, hier mit den Arschlöchern rumzureden!”

Wegen Urheberrechtsgeschichten musste ich das hier gezeigte Video heraus nehmen. Es befindet sich leider nicht mehr bei YouTube!

Am Ende fing er an, meine Begleitung durchaus charmant, aber sehr klar anzubaggern. Das erstaunlichste an ihm war seine Menschenkenntnis. Meine Begleitung hat Ausstrahlung und Charakter, sie hat das gewisse Etwas, und darauf ist der Hentschel abgegangen. Es gab noch mehr Szenen und Erzählungen von ihm, in denen seine subtile und glasklare Menschenkenntnis zum Vorschein kam. Wahrscheinlich durch sein rauhes, gewalttätiges Leben hat er gelernt, sehr schnell und präzise seine Umgebung zu SCANNEN und wusste sehr genau, von wem er was zu erwarten hatte, bzw. von wem eine potentielle Gefahr ausging. Wirklich beeindruckend.

Ich habe mir daraufhin das Buch gekauft und es regelrecht VERSCHLUNGEN. Was dieser Typ in seiner Kindheit erleben musste, ist, abgesehen von dem gewalttätigen Großvater, meiner “strukturell” nicht ganz unähnlich. Nur, dass Hentschel eben sehr früh gelernt hat, sich erfolgreich KÖRPERLICH durchzusetzen. Seine gewalttätige Skrupellosigkeit – obwohl er glaubhaft so etwas wie einen “Ehrenkodex” in Sachen Kampf (immerhin war er mal Profi-Boxer) hatte – ermöglichte ihm einen raschen Aufstieg auf dem Kiez in den 70er Jahren.

Was Hentschel in dem Buch über die Frauen, und hier über Huren schreibt, ist ebenfalls sehr lesenswert. Auch für mich glaubhaft, dass er keine Frau GEZWUNGEN habe, für ihn zu arbeiten – es sei denn, sie hatte Schulden – aber dass er keine geschlagen habe. Sie blieben FREIWILLIG bei ihm, ja, manchmal liebten sie ihn sogar.

Sein halbes Zuhälterleben war er mit einem Bein im Knast und mit dem anderen auf der Flucht. Auch vor dem Auftragskiller Mucki Pinzner, der im Hochsicherheitstrakt des Hamburger Polizeipräsidiums 1986 ein Blutbad anrichtete, flüchtete er. In dem Buch wird beschrieben, wie er auf den Kanaren, meinen Herzensinseln, in Brasilien und Jamaica lebte. Mich packte nach dem Buch eine dramatische Entschlusskraft und ich flog kurzerhand auf die Kanaren …

Das Buch lohnt sich wirklich. Es ist im Hentschel-Jargon geschrieben, das macht den Einstieg nicht leicht. Aber dann ist es einfach nur interessant, dieses Leben mit dieser ganzen Gewalt, das dieser Mensch führte. Hentschel war zuletzt vermutlich depressiv und sehr wahrscheinlich war er suchtkrank, latent alkoholabhängig. Ein Sozialhilfefall, er hatte alles verloren. Er erzählte damals noch, dass er für ALLES bezahlt habe – auch mit Knast – und zeigte seine Schusswunden, seine Stichnarben, seine Verletzungen, ein Auge hatte er drangeben müssen. Ja, dazu stand er, er stand zu seinem Leben … und zu seiner Schuld – und dass er sie beglichen habe. Ich glaube ihm das, es war spürbar.

Ich habe von seinem Freitod (ich mag das Wort Selbstmord nicht, denn es führt in die falsche Richtung) eben gerade beim Zeitungsmann erfahren und kam deshalb mit einem älteren Mitbürger ins Gespräch, ungefähr Hentschels Alter (57+). Auch er erinnerte eine Begegnung mit diesem, auch da ging es um Gewalt. Auch er bestätigte Hentschels Scannen der Umgebung und seine intuitive Menschenkenntnis. Dieser Zuhälter war beeindruckend. Von Ariane Barth übrigens, fühlte er sich übervorteilt. Er brauchte Geld, das Buch schildert sein Leben, doch er ist nicht der Autor. Verfilmt werden sollte es, darauf spekulierte er, auf die Rechte. Vielleicht kommt der Film ja noch.

Hentschel war, wie immer man sich zum ihm stellt, ein sehr interessanter Mensch, recht intelligent und mit einer kolossalen Lebenserfahrng und Intuition ausgestattet. Nicht, dass ich ihn sympathisch fand, nur FALSCH war der nicht, der war echt – denn nichts ist schlimmer als Falschheit, Heuchelei und Verschlagenheit. Doch ich empfand ihn auch deutlich als einen Gewalttäter, ich habe es so gespürt, wie LYLO es ausdrücken würde. Hentschel konnte das auch reflektieren, ihm war schon klar, was abging, er blieb aber in seiner Macho-Welt gefangen.

Dieser – gar nicht so schlechte – Spruch wird von ihm bleiben:
“Ich hab’ da kein Bock drauf, hier mit den Arschlöchern rumzureden!”

Mehr bei SPIEGEL Online Panorama

Foto: Helder Ribeiro

Hinterlasse eine Antwort

*