Gier – Ein Fernsehfilm von Dieter Wedel

Heute und morgen läuft in der ARD der TV-Zweiteiler „Gier“ von Dieter Wedel. Der sehenswerte Streifen lief schon letzte Woche auf ARTE. Er ist hochkarätig besetzt und von Anfang an fesselnd. Doch nicht jeder kann dem Thema etwas abgewinnen. Schade, denn der Film hat den Hamburger Hochstapler Jürgen Harksen zum Vorbild, der als bekannter Anlagebetrüger 2003 in 52 Fällen zu sechs Jahren und neun Monaten Freiheitsstrafe.

Wir sehen einen genialen Ulrich Tukur, dem die Rolle des Dieter Glanz auf den Leib geschrieben scheint. Auch Uwe Ochsenknecht brilliert als halbseidener Finsterling und mal nicht als Komödiant. Aufregend ist Jeanette Hain als Gloria Glanz. Die heimliche Hauptrolle spielt Devid Striesow als Andy Schroth, den zunächst blauäugigen Assistenten des Dieter Glanz. Sehenswert ebenso Heinz Hoenig als verzweifelter Vater des Andy Schroth.

Man kann nicht oft genug wiederholen, dass der Film auf wahren Begebenheiten beruht. Das Menschen, meist erfolgreiche Menschen, bereit sind, einen großen Teil ihres Vermögens einem charmant und gepflegt-selbstbewußt auftretenden Finanzmakler anvertrauen, der ihnen nicht weniger als das 3-fache, später sogar 1300% Gewinn verspricht, will man sich beim besten Willen nicht vostellen.

Wie geschickt und hartnäckig der Betrüger vorgeht und was für ein leichtes Spiel er hat, deutet indes darauf hin, dass er einen wunden Punkt bei seinem Klientel entdeckt hat und konsequent für sich ausnutzt. Seine Stärke ist die Manipulation. Er erfasst Situationen blitzschnell und nutzt sie für seine Interessen geschickt aus, dreht den Spieß oftmals einfach um, wie die Szene nach dem Autounfall zeigt.

Das Leid und die Verwirrung, das der Anlage-Betrüger bei seinen Klienten auslöst, lässt diesen kalt. Und in der Tat sind die Betrogenen teilweise selbst schuld an ihrer Misere. Und so behandelt der Film weniger die Gier des offensichtlich kriminellen Glanz, als vielmehr die der Anleger. Sie, die hinter märchenhaften Renditen her sind und niemals fragen, wie das Geld erwirtschaftet wurde, über wieviel Leichen und Familienschicksale gegangen werden musste um einen so hohen Gewinn zu erzielen – sie kriegen den Hals nicht voll von ihrer Gier und dem Traum eines sorgenfreien Lebens in Luxus.

Glanz/Harksen ist die deutsche Ausgabe des amerikanischen Milliarden-Betrügers Madoff, der im Zuge der Finanzkrise aufgeflogen war. Und auch er war nicht der einzige, wie immer neue Fälle belegen.

„Die Wahrheit ist ein kostbares Gut, deshalb muss man sparsam damit umgehen!“
*Dieter Glanz in GIER

Hat die Gier uns nicht alle im Griff? Die einen, die nichts anzulegen haben, dürfen sich nicht über die erheben, die 10 oder mehrere 100 tausend Euro anlegen, um daraus ohne Rücksicht auf Verluste ein Vielfaches zu machen.

Dies alles zeigt dieser neue Wedel-Film Gier. Seine Charakter-Studien sind eher subtil und nicht ohne Hintergrundwissen zu verstehen. Vielleicht ist dies der einzige Makel des TV-Films: Der Zuschauer sollte informiert und mit dem Thema zumindest rudimentär vertraut sein.

Prädikat: Besonders sehenswert!

http://de.wikipedia.org/wiki/Jürgen_Harksen
Interview auf STERN.DE mit Dieter Wedel: „Ein Regisseur ist einem Hochstapler ähnlich“

Foto: Nick Ares

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