Der Abend hat mich überrascht. Und zwar so, wie nur ein Theaterabend überraschen kann, wenn er nicht bloß spielt, sondern atmet. Das Deutsche Schauspielhaus feierte seinen 125. Geburtstag – ein großes, vibrierendes, unverschämt lebendiges Jubiläum. Ich war mittendrin, und es fühlte sich an, als hätte man die Geschichte dieses Hauses aufgeschlagen wie ein altes Logbuch, das plötzlich anfing zu leuchten.
Schon beim Betreten des Foyers lag dieses erwartungsvolle Summen in der Luft, das man nur aus Theatern kennt, die etwas wagen. Das Haus war voll, bis unters Dach. Menschen mit Erinnerungen, Menschen mit Neugier, Menschen wie ich, die sich einfach mal wieder verzaubern lassen wollten. Und genau das ist passiert.
Die Fulminante Jubiläumsfeier großer Erinnerungen
Die Jubiläumsgala war keine nostalgische Rückschau, sondern eine wilde, klug komponierte Zeitreise. Ein „Best-of“ aus 125 Jahren – und doch kein Museum, kein Star-Auflauf, kein Staub. Stattdessen:
– Eva Mattes, Ilse Ritter, Edgar Selge, Lina Beckmann.
– Fragmente großer Rollen, persönliche Anekdoten, kleine Wunder.
– Ironische Brechungen, nackte Puppen, Teufelsbilder, mutige Brüche.
Kurz: Ein Abend, der deutlich machte, dass das Schauspielhaus immer ein Ort war, an dem man Grenzen berührt – ästhetisch, politisch, emotional. Und manchmal überschreitet.
Kritiker haben recht, wenn sie sagen: Diese Gala war eine Standortbestimmung. Ein Selbstbewusstsein, das man nicht behauptet, sondern zeigt. Hamburg hat an diesem Abend gesehen, was dieses Haus immer konnte – aufregend sein, unbequem, sinnlich, laut, zärtlich, radikal.
Ein Haus als Chronometer der Stadt
Intendantin Karin Beier nannte das Schauspielhaus einen „Chronometer“ gesellschaftlicher Veränderungen. Ich mag dieses Bild. Ein Theater, das misst, wo wir stehen – und damit sichtbar macht, wohin wir uns bewegen.
Die Geschichte des Hauses trägt diesen Anspruch schon lange:
– Experimentierfreude um 1900
– Politische Brisanz in der Weimarer Zeit
– Radikale Brüche und Skandale in späteren Jahrzehnten
– Neuaufbrüche von Gründgens bis Zadek
Dass das Schauspielhaus mehrfach zum „Theater des Jahres“ gewählt wurde, ist kein Zufall, sondern Ausdruck dieser Haltung. Und an diesem Abend war sie greifbar.
Namen wie Donnersschall aus der 125-jährigen Geschichte des Deutschen Schauspielhauses zu Hamburg fielen an diesem Abend und zeigten sich noch einmal auf großer Bühne: Gründgens, Zadek, Jelinek, Schlingensief. Als Theater und im Film über die Stücke damals.
Hamburgs größtes Sprechtheater bleibt ein Zukunftsort
Was mich eigentlich am meisten bewegt hat: Dieser Abend war kein Abgesang. Kein „Wir waren mal wer“. Sondern ein Aufbruch.
Die Mischung aus Ausstellung, Zeitstrahl und neuer Spielzeit zeigte sehr klar: Dieses Haus ruht sich nicht auf Tradition aus. Es benutzt sie wie Brennstoff.
Wenn man das Glück hat, so einen Abend zu erleben, dann spürt man: Theater ist kein Denkmal. Es ist ein Organismus. Und das Schauspielhaus schlägt – laut, kompromisslos, mitten in Hamburg.
Und warum ich noch am selben Abend dem Freundeskreis beigetreten bin
Ich gebe zu, ich habe mich hinreißen lassen. Direkt nach der Vorstellung bin ich in den Freundeskreis eingetreten. Vielleicht aus Dankbarkeit, vielleicht aus Rührung, vielleicht auch aus einem stillen Wunsch heraus, diesen Ort noch lange begleiten zu können.
Denn wenn ich 125 Jahre Jubiläum erleben will – gesund, wach, mit offenen Augen – dann bin ich weit in den Achtzigern. Und ja, ich will das. Ich will in diesem Theater sitzen, wenn es wieder auf seine Geschichte schaut, wieder große Abende feiert, wieder neue Wege geht.
Es gab übrigens Sekt frei – und natürlich Sprudel und Softdrinks, aber viel zu viel Alkohol – und wirklich köstliches Catering, wie man es zu solch Großereignissen eigentlich nicht erwartet wirklich lecker.
Der Jubel dieses Abends hallt in mir nach. Und er erinnert mich daran, warum Theater wichtig bleibt:
Weil es uns daran erinnert, wer wir sind. Und wer wir sein könnten.
Hamburg hat an diesem 23. November 2025 nicht einfach ein Jubiläum gefeiert. Es hat gefeiert, dass dieses Haus lebt. Und ich freue mich darauf, noch viele Kapitel mitzulesen.
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