Nimm. Dir. Zeit. von Wolf Küper: Was das gute Leben braucht!

Buchcover: Nimm. Dir. Zeit.
Nimm. Dir. Zeit.

„Ich habe keine Zeit“ gehört vermutlich zu den häufigsten Sätzen unseres Alltags. Dabei steckt schon darin ein merkwürdiger Widerspruch. Zeit ist ja vorhanden. Jeder Tag hat seine 24 Stunden. Niemand bekommt morgens ein zusätzliches Stundenpaket geliefert, während andere mit einem gekürzten Zeitbudget aufwachen.

Und trotzdem ist das Gefühl von Zeitmangel sehr real.

Genau dort setzt Wolf Küper in seinem Buch Nimm. Dir. Zeit. – Die Rückeroberung des guten Lebens. Eine Anstiftung an. Seine These ist anspruchsvoller als das übliche „Du musst Deine Zeit eben besser einteilen“. Küper fragt nicht in erster Linie, wie wir noch effizienter werden können. Er fragt, warum wir unser Leben überhaupt derart auf Effizienz getrimmt haben.

Denn schneller ist nicht automatisch besser. Mehr ist nicht automatisch glücklicher. Und ein vollständig durchoptimierter Kalender ist noch lange kein gelungenes Leben.

Wir versuchen sogar, unsere Freizeit effizient zu machen

Unser Alltag ist voller Beschleunigung. Kommunikation funktioniert innerhalb von Sekunden. Einkäufe kommen bis vor die Haustür. Informationen stehen jederzeit zur Verfügung. Arbeit lässt sich mobil erledigen. Selbst Unterhaltung ist permanent verfügbar.

Eigentlich müssten wir dadurch ungeheuer viel Zeit gewonnen haben.

Merkwürdigerweise fühlt es sich häufig nicht so an.

Wolf Küper beschreibt eine Gesellschaft, die gelernt hat, beinahe alles in Leistung pro Zeiteinheit zu messen. Wir fahren schneller, übertragen Daten schneller, erledigen mehr Aufgaben gleichzeitig und versuchen irgendwann sogar, unsere Freizeit zu optimieren.

Noch ein Termin. Noch eine Veranstaltung. Noch schnell Sport. Noch eine Nachricht beantworten. Noch zehn Minuten Social Media.

Küper verwendet dafür an einer Stelle einen wunderbar unfeinen Begriff: „Bullshit-Time“. Gemeint ist Zeit, die verschwindet, ohne dass sie uns besonders viel gegeben hätte. Minuten und Stunden vor Bildschirmen, beim ziellosen Scrollen oder in Beschäftigungen, die weder wirklich Freude machen noch Erholung bringen.

Nicht jede unproduktive Minute ist damit gemeint. Im Gegenteil. Gerade das vermeintlich Nutzlose kann kostbar sein.

Das Problem entsteht dort, wo Zeit einfach versickert.

Zeitqualität statt Zeitmanagement

Damit unterscheidet sich „Nimm. Dir. Zeit.“ angenehm von vielen Selbstoptimierungsratgebern. Küper möchte nicht noch ein System verkaufen, mit dem wir aus derselben Stunde 20 Prozent mehr Leistung herausquetschen.

Es geht um Zeitqualität.

Eine Stunde mit einem Menschen, den wir mögen, kann sich vollkommen anders anfühlen als eine Stunde in einem ungeliebten Meeting. Zwei freie Stunden können wunderbar sein – oder so zerstückelt zwischen Verpflichtungen liegen, dass sie kaum als Freizeit wahrgenommen werden.

Küper spricht von Freizeit, die wie Konfetti in kleine Schnipsel zerfällt.

Entscheidend ist deshalb nicht nur, wie viel freie Zeit wir besitzen. Entscheidend ist auch, ob wir über sie verfügen können und ob das, was wir mit ihr anfangen, für uns Bedeutung besitzt.

Das klingt zunächst selbstverständlich. Ist es aber nicht.

Denn große Teile unseres Lebens sind um eine vollkommen andere Logik herum organisiert: möglichst viel schaffen, verdienen, konsumieren und erleben. Das Versprechen lautet, irgendwann komme dadurch das gute Leben heraus.

Küpers Buch stellt eine ziemlich einfache Gegenfrage: Wann genau soll dieses gute Leben eigentlich stattfinden?

Glück lässt sich nicht auf später verschieben

Der Untertitel des Buches lautet nicht zufällig Die Rückeroberung des guten Lebens.

Wolf Küper verbindet persönliche Erfahrungen mit Erkenntnissen aus der Glücks- und Zeitforschung. Ausgangspunkt ist dabei auch seine eigene Lebensgeschichte. Der promovierte Biologe arbeitete als Tropenforscher und wissenschaftlicher Gutachter für die Vereinten Nationen, bevor eine Entscheidung seiner Familie sein Verhältnis zur Zeit grundlegend veränderte. Aus der mehrjährigen Reise mit seiner Frau und seinen Kindern entstand später sein Bestseller Eine Million Minuten, der 2024 mit Karoline Herfurth und Tom Schilling fürs Kino verfilmt wurde.

In „Nimm. Dir. Zeit.“ geht Küper nun einen Schritt weiter. Er fragt grundsätzlich, was Forschung darüber weiß, welche Verwendung unserer Zeit tatsächlich mit Wohlbefinden und Glück zusammenhängt.

Dabei tauchen Dinge auf, die erstaunlich unspektakulär sind: Beziehungen, Freundschaften, selbstbestimmte Entscheidungen, Erfahrungen, Aufmerksamkeit, Bildung und Zeit für sich selbst.

Das wirklich gute Leben liegt demnach gar nicht unbedingt hinter dem nächsten großen Kauf, der nächsten Beförderung oder dem nächsten Optimierungsprojekt.

Es findet möglicherweise an einem völlig gewöhnlichen Dienstag statt. Wenn wir anwesend sind.

Der Wert einer Minute lässt sich nicht in Geld ausdrücken

Damit berührt das Buch einen gesellschaftlichen Widerspruch, der weit über persönliche Lebensplanung hinausgeht.

Wir rechnen ständig Geld gegen Zeit. Arbeitszeit hat einen Preis. Dienstleistungen haben einen Preis. Eine schnellere Verbindung spart Zeit und gilt deshalb als Fortschritt.

  • Aber was ist eine Stunde mit einem Freund wert?
  • Was kostet ein Nachmittag mit den eigenen Kindern?
  • Welchen ökonomischen Wert hat ein langer Spaziergang ohne Ziel?
  • Und welchen Preis hat eine Stunde, in der niemand etwas von uns möchte?

Natürlich lässt sich darauf keine vernünftige Summe schreiben.

Gerade darin liegt das Problem. Was sich ökonomisch schlecht messen lässt, gerät in einer auf Produktivität ausgerichteten Gesellschaft leicht aus dem Blick.

Küpers Argument wird an dieser Stelle politischer, als der zunächst freundlich klingende Buchtitel vermuten lässt. Wenn Zeit eine Voraussetzung für Lebensqualität ist, wird die Verfügung über die eigene Zeit auch zu einer Frage von Freiheit.

Denn selbstverständlich besitzt jeder Mensch 24 Stunden am Tag. Aber nicht jeder kann über diese 24 Stunden gleichermaßen bestimmen.

Eine Alleinerziehende mit zwei Jobs verfügt über ihre Zeit anders als ein finanziell unabhängiger Mensch. Pflegearbeit kostet Zeit. Lange Arbeitswege kosten Zeit. Krankheit kostet Zeit. Armut kann sehr viel Zeit kosten.

Deshalb wäre es zu billig, Zeitnot allein zum individuellen Organisationsproblem zu erklären. Das tut Küper erfreulicherweise nicht.

Ein Gegenentwurf zur Selbstoptimierung

Besonders sympathisch ist an „Nimm. Dir. Zeit.“, dass der Autor nicht versucht, das Problem des beschleunigten Lebens mit noch mehr Optimierung zu beantworten. Denn darin steckt eine Falle.

Wer gestresst ist, bekommt einen effizienteren Kalender empfohlen. Wer schlecht schläft, optimiert den Schlaf. Wer erschöpft ist, optimiert seine Erholung. Meditation wird zum Leistungstool, Sport zur Kennzahl auf der Smartwatch und selbst ein Spaziergang muss plötzlich 10.000 Schritte hervorbringen.

Irgendwann sind wir sogar beim Entspannen unter Leistungsdruck. Wolf Küpers Buch setzt einen anderen Akzent. Zeit muss nicht permanent verwertet werden, damit sie wertvoll ist.

Das ist eine kleine, aber ziemlich radikale Verschiebung. Ein Nachmittag darf einfach schön sein. Ein Gespräch darf länger dauern als geplant. Ein Weg darf einen Umweg haben. Man muss nicht jede Minute retten. Manchmal reicht es, sie tatsächlich zu leben.

Nicht jede Erkenntnis ist neu – aber die Verbindung überzeugt

Natürlich erfindet „Nimm. Dir. Zeit.“ das Thema nicht neu. Dass Freundschaften wichtig sind, dauernder Konsum nicht glücklich macht und ständige Smartphone-Nutzung unsere Aufmerksamkeit auffrisst, dürfte inzwischen kaum jemanden überraschen.

Wer bereits viel über Achtsamkeit, Glücksforschung, Digital Detox oder Entschleunigung gelesen hat, wird deshalb manche Gedanken wiedererkennen.

Das ist die Schwäche und gleichzeitig die Stärke des Buches.

Küper versammelt diese Fragen nicht als esoterische Lebensweisheiten, sondern verbindet wissenschaftliche Forschung, eigene Erfahrungen, Reisen und Beobachtungen miteinander. Dabei schreibt er verständlich und mit Humor, ohne aus dem guten Leben ein neues Pflichtprogramm zu machen.

Vor allem verschiebt er die Frage.

Nicht: Wie bekomme ich noch mehr in meinen Tag hinein?

Sondern: Was soll überhaupt in meinem Leben stattfinden?

Diese Frage ist sehr viel unbequemer. Und sehr viel sinnvoller.

Vielleicht besteht Wohlstand auch darin, Zeit zu besitzen

„Nimm. Dir. Zeit.“ ist deshalb weniger ein Buch über Zeitmanagement als ein Buch über Lebensentscheidungen.

Wir sprechen ständig über Wohlstand und meinen damit Einkommen, Eigentum und Konsummöglichkeiten. Vielleicht müsste eine Gesellschaft aber auch darüber sprechen, wie viel frei verfügbare Zeit Menschen besitzen.

  • Zeit für Familie.
  • Zeit für Freundschaften.
  • Zeit für Kultur.
  • Zeit zum Lesen.
  • Zeit für Bewegung.
  • Zeit für die Stadt, in der man lebt.
  • Zeit, an der Elbe zu sitzen, durch einen Park zu laufen oder einen ganzen Nachmittag zu vertrödeln, ohne daraus sofort ein Projekt zu machen.

Gerade für einen Blog, der sich mit dem Sommer in Hamburg beschäftigt, passt Küpers Gedanke bemerkenswert gut. Denn die schönsten Seiten einer Stadt erlebt man selten unter Zeitdruck.

Ein Konzert, ein Abend draußen, ein Gespräch am Wasser oder ein langer Weg durch die Stadt brauchen nicht unbedingt viel Geld.

Aber sie brauchen etwas anderes. Zeit.

Und genau deshalb ist Nimm. Dir. Zeit. ein Buch, das einen nach der letzten Seite nicht mit zwanzig neuen Aufgaben entlässt.

Es stellt eine viel bessere Frage: Wofür möchtest Du Deine begrenzte Lebenszeit eigentlich verwenden?

Diese Frage sollte man sich tatsächlich gelegentlich stellen. Am besten nicht irgendwann.

nimm dir zeit

Nimm. Dir. Zeit. – Die Rückeroberung des guten Lebens. Eine Anstiftung

von Wolf Küper
368 Seiten, Ludwig Verlag 2026
ISBN 978-3-453-28181-3
Klappenbroschur 20 Euro
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Leseprobe Nimm. Dir. Zeit.

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