Jenseits des Marktglaubens: Ein ökonomisches Manifest für eine gerechte Gesellschaft

Buchcover: Der Weg zur Freiheit
Der Weg zur Freiheit

Der Weg zur Freiheit – Wirtschaftsprofessor Joseph Stiglitz und die Rückeroberung eines missbrauchten Begriffs: Ein Buch, das den Freiheitsbegriff endlich wieder erdet!

Joseph Stiglitz, Nobelpreisträger und einer der beharrlichsten Kritiker des neoliberalen Dogmas, widmet sich mit erstaunlicher Klarheit einer Frage, die Politik und Ökonomie gleichermaßen durchzieht: Was bedeutet Freiheit – und für wen gilt sie? Seine Antwort ist eine Zumutung für jene, die Freiheit vor allem als Freiheit des Marktes verstehen. Denn Stiglitz zeigt, wie diese Ideologie Freiheit nur für einige wenige erzeugt und die Mehrheit ihrer realen Möglichkeiten beraubt.

Er arbeitet heraus, dass Freiheit ohne materiellen Bodenwert – ohne Bildung, Gesundheit, Sicherheit, Schutz vor Ausbeutung – nur ein theoretisches Konstrukt bleibt. Genau hier setzt sein Ansatz an: Freiheit ist nicht das Weglassen des Staates, sondern die Absicherung eines Möglichkeitsraums, in dem Menschen tatsächlich leben und handeln können.

Der zerstörerische Mythos des freien Marktes

Stiglitz entlarvt in Der Weg zur Freiheit den Mythos, dass unregulierte Märkte automatisch Wohlstand schaffen. Er zeigt, wie Monopole entstehen, wenn Regulierung fehlt – ob im Ölsektor des 19. Jahrhunderts oder in der heutigen Tech-Industrie. Standard Oil, American Tobacco oder die frühen Vermögen der Lehman-Familie nutzt er als historische Belege für die zerstörerische Dynamik ungebändigter Marktmacht.

Diese Machtkonzentrationen sind kein Kollateralschaden, sondern struktureller Bestandteil eines Systems, das Ungleichheit verstärkt. Der Markt als Freiheitsmaschine? Für Stiglitz ein gefährlicher Irrtum: Märkte tendieren zu Ungleichheit, nicht zu Fairness. Sie erzeugen Abhängigkeiten, die jenen die Luft zum Atmen nehmen, die ohnehin wenig besitzen.

Wenn Ungleichheit Freiheit frisst

Stiglitz greift die berühmte Unterscheidung von Isaiah Berlin auf: negative Freiheit (Freiheit von Eingriffen) versus positive Freiheit (Freiheit zu handeln). Der neoliberale Kult der negativen Freiheit – prominent verkörpert durch Trump, Musk und deren politische Bannerträger – blendet aus, dass Freiheit nicht im luftleeren Raum entsteht.

Fehlen Ressourcen, Bildung, Gesundheitsversorgung, zerfällt die Freiheit der Vielen. Stiglitz zeigt in Der Weg zur Freiheit eng begründet, wie Ungleichheit den Möglichkeitsraum einengt; wie die Freiheit der einen zur Unfreiheit anderer wird; wie Deregulierung Krisen befeuert, Populismus nährt und demokratische Grundlagen zersetzt.

Progressiver Kapitalismus: Ein realistischer Gegenentwurf

Was Stiglitz in Der Weg zur Freiheit vorschlägt, ist kein Anti-Kapitalismus, sondern eine radikale Rückbesinnung auf dessen soziale Voraussetzungen. Er nennt es progressiven Kapitalismus – ein Modell, das Märkte nicht abschafft, sondern sie in die Verantwortung nimmt.
Das Herzstück: Freiheit entsteht nur dort, wo der Staat nicht wegschaut.

Politische Maßnahmen, die Freiheit erweitern sollen

Stiglitz listet einen ganzen Katalog konkreter Schritte, etwa:

  • Stärkung der Arbeitsrechte und der Gewerkschaften, Ausbau des Mindestlohns, Priorität für Vollbeschäftigung.
  • Neue Wettbewerbsregeln, die Tech-Giganten zerlegen und Marktmacht begrenzen – eine zentrale Voraussetzung für echte wirtschaftliche Wahlfreiheit.
  • Reform globaler Handelsabkommen, Beschränkung monopolistischer Patente und Durchsetzung einer globalen Mindeststeuer für Unternehmen.

Steuern als Freiheitsmotor – nicht als Belastung

Anders als in der neoliberalen Fantasie sind Steuern für Stiglitz kein Hindernis, sondern ein Instrument der Freiheit – also das genaue Gegenteil der liberäten Ideologie. Denn Steuern finanzieren Bildung, Gesundheit und Infrastruktur – die Voraussetzungen eines selbstbestimmten Lebens.

Er fordert:

  • hohe progressive Einkommensteuern,
  • Vermögenssteuern auf Superreiche,
  • strengere Erbschafts- und Kapitalgewinnsteuern,
  • CO2-Abgaben als Schutz der gemeinsamen Lebensgrundlagen.

Für Unternehmen schlägt Stiglitz in Der Weg zur Freiheit höhere Steuern auf Monopolgewinne vor, kombiniert mit der vollständigen Absetzbarkeit produktiver Investitionen – ein cleveres Modell, das Innovation belohnt und Rent-Seeking bestraft.

Deutschland als Laboratorium einer gerechteren Ordnung

Spannend ist, wie anschlussfähig Stiglitz’ Vorschläge für Deutschland wären. Ein reaktiviertes Vermögenssteuermodell, eine Reform der Körperschaftsteuer, eine Stärkung des Kartellamts und massive Investitionen in Bildung, Pflege und Infrastruktur – all das passt in die deutsche Debatte wie ein Schlüssel ins Schloss.

Viele dieser Schritte ließen sich im bestehenden System implementieren, ohne ökonomische Stabilität zu gefährden.

Warum dieses Buch Der Weg zur Freiheit heute gebraucht wird

Was Stiglitz liefert, ist weit mehr als eine ökonomische Analyse. Es ist ein Gegenentwurf zu einer Politik, die Freiheit zu einem Fetisch gemacht hat, der nur den Starken nutzt. Stiglitz erinnert uns daran, dass Freiheit ein kollektives Projekt ist – ein Bauwerk, das zusammenbricht, wenn nur einige Stockwerke stabil sind.
Seine These: Wenn wir Freiheit nicht sozial verankern, überlassen wir sie den Lautesten, den Reichsten, den Rücksichtslosesten.

Der Weg zur Freiheit ist ein Ruf, die ökonomische Ordnung wieder dem demokratischen Anspruch zu unterstellen. Und es ist zugleich ein Angebot: Wir können eine Gesellschaft schaffen, die gerechter und freier ist – wenn wir bereit sind, den Mut aufzubringen, Freiheit nicht länger in den Händen der Märkte zu lassen.

Der Weg zur Freiheit: Ökonomie für eine gerechte Gesellschaft
  • Gegen die Freiheit des Raubtierkapitalismus: Warum unsere Gesellschaft eine neue Wirtschaftspolitik braucht, um zukunftsfähig und gerechter zu werdenUnter Donald Trump und Elon Musk greift ein Kult...

Der Weg zur Freiheit: Ökonomie für eine gerechte Gesellschaft

Joseph E. Stiglitz
Siedler Verlag
Erscheinungsjahr: 2025
ISBN: 978-3-8275-0199-8
Kategorie: Wirtschaft

Siehe: Interview mit dem Nobelpreisträger für Wirtschaft der Hans-Böckler-Stiftung

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