Stell Dir vor, Du sitzt in der Bahn. Ein paar Plätze weiter wird jemand angepöbelt. Die Stimme wird lauter, die Situation unangenehm. Du schaust auf. Andere ebenfalls. Und dann dieser Gedanke: Sollte ich etwas sagen? Vielleicht steht gleich jemand anderes auf. Vielleicht wird alles schlimmer, wenn ich mich einmische.
Solche Momente verlangen eine Entscheidung, auf die man selten vorbereitet ist. Genau hier setzt der HVV mit seinem Schwerpunkt „Gemeinsam für mehr Zivilcourage“ an. Als Teil der Initiative „Sicher unterwegs im hvv“ möchte der Verkehrsverbund Menschen zum Handeln ermutigen. Unterstützt wird er dabei von der Polizei Hamburg und der Opferschutzorganisation WEISSER RING.
Ich finde diesen Ansatz wichtig: Ein Appell zum Mut allein lässt Menschen mit ihren Fragen zurück. Hilfreich wird er, wenn daraus konkrete Handlungsmöglichkeiten entstehen.
Was der HVV vermitteln möchte
Die Kampagne bündelt ihre Botschaft in fünf Punkten: aufmerksam sein, die eigene Sicherheit beachten, andere einbeziehen, Hilfe alarmieren und Betroffenen zur Seite stehen. Auf der Website ergänzen Videos und kompakte Übersichten die Hinweise.
Dabei spricht der HVV auch das Zögern an. Angst vor einer Eskalation, Unsicherheit über die Situation oder die Hoffnung, jemand anderes werde schon helfen, können uns bremsen. Sich damit auseinanderzusetzen, ist sinnvoll. Wer sich vorher überlegt, was er tun könnte, muss im entscheidenden Moment nicht bei null anfangen.
Die eigene Angst verdient dabei Respekt. Niemand muss körperlich dazwischengehen, um einen hilfreichen Beitrag zu leisten.
Andere gezielt ansprechen
Auch die Bundespolizei empfiehlt, umstehende Menschen direkt um Unterstützung zu bitten. Eine konkrete Ansprache macht deutlich, wer gemeint ist und welche Hilfe gebraucht wird.
Ein möglicher Satz wäre: „Du mit dem blauen Rucksack, ruf bitte die Polizei. Ich bleibe hier und beobachte die Situation.“ Oder: „Kannst Du das Fahrpersonal verständigen?“
Damit verteilst Du überschaubare Aufgaben. Eine Person organisiert Hilfe, eine andere behält aus sicherer Entfernung den Überblick. Dabei gilt immer: Abstand und Eigenschutz haben Vorrang. Du musst eine aggressive Person weder stellen noch festhalten oder verfolgen.
Hilfe holen in Bus und Bahn
Bei akuter Bedrohung oder Gewalt erreichst Du die Polizei unter 110. Im HVV stehen je nach Fahrzeug und Station weitere Möglichkeiten zur Verfügung: Rufsäulen am Bahnsteig, Sprechstellen im Zug oder der direkte Kontakt zum Fahrpersonal.
Für die Verständigung ist der Ort entscheidend. Nenne möglichst die Haltestelle, die Linie und die Fahrtrichtung. Auch eine erkennbare Wagen- oder Busnummer kann hilfreich sein. Beschreibe, was gerade geschieht und ob Menschen verletzt oder unmittelbar bedroht sind.
Du kannst Hilfe auch aus sicherer Entfernung organisieren. Entscheidend ist, dass die Information ankommt und Unterstützung auf den Weg gebracht wird.
Die betroffene Person im Blick behalten
Die Bundespolizei zählt die Unterstützung der Betroffenen ausdrücklich zu den Regeln für Zivilcourage. Sobald es sicher möglich ist, kannst Du fragen, was die Person braucht. Zum Beispiel: „Möchtest Du, dass ich noch hierbleibe?“
Lass ihr Raum für eine Antwort. Vielleicht möchte sie Gesellschaft, vielleicht jemanden anrufen oder zunächst Abstand gewinnen. Hilfreich ist, Unterstützung anzubieten und ihre Wünsche ernst zu nehmen.
Für mich ist das ein wesentlicher Teil von Zivilcourage: nach einer bedrängenden Situation wieder ein Stück Sicherheit und Entscheidungsfreiheit ermöglichen. Ein ruhiger, zugewandter Umgang gehört dazu.
Als Zeuge kannst Du weiterhelfen
Auch genaue Beobachtungen sind wertvoll. Merke Dir, soweit gefahrlos möglich, Aussehen und Kleidung beteiligter Personen sowie den Ablauf und eine mögliche Fluchtrichtung. Stelle Dich der Polizei als Zeuge zur Verfügung.
Beschreibe dabei, was Du tatsächlich gesehen oder gehört hast. Wenn Du etwas nicht sicher weißt, sag das offen. Du musst keine vollständige Erklärung liefern. Deine Beobachtung kann ein wichtiger Teil des Gesamtbildes sein.
Unterstützung nach einer Straftat
Manchmal bleibt nach einem Vorfall mehr zurück als der Schreck im ersten Moment. Wer als Opfer einer Straftat Unterstützung sucht, kann sich an den WEISSEN RING wenden.
Das kostenlose Opfer-Telefon 116 006 ist täglich von 7 bis 22 Uhr erreichbar. Zusätzlich bietet die Organisation Onlineberatung und persönliche Hilfe über ihre Außenstellen an. Das ist ein Unterstützungsangebot nach einer Straftat; bei einer akuten Bedrohung ist die Polizei unter 110 zuständig.
Hamburg fährt besser, wenn wir aufeinander achten
Busse, Bahnen und Haltestellen sind gemeinsame Räume. Wir teilen sie mit Menschen, deren Geschichte wir nicht kennen und denen wir vielleicht nie wieder begegnen. Gerade deshalb zählt, wie wir miteinander umgehen.
Mein Wunsch wäre, dass aus der HVV-Initiative etwas im Alltag hängen bleibt: eine Telefonnummer, ein möglicher Satz, der Gedanke, gezielt Unterstützung zu holen. Niemand kann vorher garantieren, in einer schwierigen Situation alles richtig zu machen. Aber wir können uns vorbereiten.
Zivilcourage kann damit beginnen, einem fremden Menschen zu zeigen: Ich habe gesehen, dass Du Hilfe brauchst. Und ich tue das, was mir sicher möglich ist.
Siehe auch: https://www.hvv.de/zivilcourage

