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Internationales Sommerfestival Kampnagel

Internationales Sommerfestival 2021 auf Kampnagel in Hamburg

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Kyle Abraham choreografiert eine Totenmesse, Feist reaktiviert das Gemeinschaftsgefühl im Theater, Susie Wang gibt den Deutschen ihren Urlaub zurück und LIGNA skizzieren die Zukunft des Innenstadtkonsums im leer stehenden Kaufhof-Gebäude. Willkommen beim Internationales Sommerfestival auf Kampnagel.
 
Die kanadische Musikerin Feist inszeniert zur Eröffnung des Internationalen Sommerfestivals am 4. August die Rückeroberung der Bühne in postpandemischer Zeit. MULTITUDES heißt ihr neues Projekt, in dem sie das Publikum für ein intimes Konzert-Happening zu sich auf die Bühne holt. Togetherness, ein Motto in Feists Produktion, steht auch über dem Programm des Sommerfestivals, das 2021 neue Formen des Zusammenkommens erprobt.
 
Während zum Start des Festivals das Leben und die Gemeinschaft gefeiert werden, blickt der amerikanische Choreograf Kyle Abraham in der abschließenden Uraufführung am 20. August auf die jüngsten Ereignisse zurück: REQUIEM: FIRE IN THE AIR OF THE EARTH ist seine Version einer Totenmesse. Geprägt von der Pandemie und den Black Live Matter Protesten präsentiert Abraham eine explizit Schwarze Perspektive auf die vergangenen Monate, für die die Dance Music Produzentin Jlin Mozarts Requiem rekomponiert hat, eines der kanonischsten Werke der weißen, westlichen klassischen Musik.
 
Das Lacrimosa aus Mozarts Requiem ist auch Leitmotiv in der neuen Produktion von Christoph Marthaler. DAS WEINEN (DAS WÄHNEN) nach Texten des Schweizer Künstlers Dieter Roth ist mit einer Apotheke als Bühnenbild das Stück der Stunde geworden (Deutschlandpremiere am 06.08.). Dieter Roth, der wie Marthaler privat und beruflich Hamburg mit der Schweiz verband und mit seinen Schimmelbildern die Kunst des 20. Jahrhunderts prägte, ist auch 20 Jahre nach seinem Tod mit dem Dieter Roth Museum in Hamburg präsent. Die interdisziplinäre Arbeitsweise von Roth aufgreifend, produzieren verschiedene Künstler*innen, u.a. Jacques Palminger, Annika Kahrs und Felix Kubin, im Auftrag des Sommerfestivals künstlerische Audioguides für das Museum in Harvestehude.  
 
Mit Thom Luz kommt ein weiterer Schweizer Künstler zum Festival, der die Tragik des Lebens mit seelenvollem helvetischem Humor (oder zumindest einem guten Song) verarbeitet: Sein neustes Theaterbühnenkunstwerk legt (wie seine zum Theatertreffen eingeladene Sommerfestivalarbeit von 2018) die Metaphysik des Alltags frei: LIEDER OHNE WORTE (19.08.) ist ein bildstarker Kommentar zur Gegenwart, bei dem Felix Mendelssohn Bartholdys Klavierzyklus „Lieder ohne Worte“ aus einem rauchenden Autowrack tönt und eine Gruppe musikalischer Menschen die Katastrophe der Gegenwart zu rekonstruieren versucht.
 
Wie schön auch der Satz der Sätze in Schweizer Mundart klingt, lässt sich beim Konzert der Schweizer Supergroup Dino Brandão, Faber und Sophie Hunger hören: „Ich liebe Dich“ heißt der Abend mit den vielleicht schönsten Songs, die in Dialekt während der Pandemie geschrieben wurden. Das Doppelkonzert ist einer von vier Konzert-Abenden in und in Kooperation mit der Elbphilharmonie, zu Gast dort sind außerdem Martha und Rufus WainwrightDave Longstreth von den Dirty Projectors mit dem Berliner Orchesterkollektivs Stargaze sowie die türkische Musik-Avantgardistin Gaye Su Akyol.
In Berner Mundart schrieb Robert Walser sein Stück DER TEICH.

In der französischen Version von Gisèle Vienne, Theaterkunst-Spezialistin für seelische Abgründe, mit dem Filmstar Adèle Haenel („Porträt einer jungen Frau in Flammen“) wird das Stück zum verstörend-beglückenden Kammerspiel. Und es lässt sich als Kommentar auf die psychischen Belastungen lesen, der insbesondere Familien während des Lockdowns ausgesetzt waren. (Deutschlandpremiere am 12.08.)
 
Mit der Psyche der deutschen Urlauber bzw. mit der deutschen Sehnsucht nach Urlaub, Exotik und Normalität in Zeiten der Pandemie setzt sich die norwegische Performancegruppe Susie Wang auseinander, Spezialistin für absurdes Horror-Illusionstheater: Vieles geht unter Einsatz von Kunstblut schief, als ein deutsches Pärchen mit Sonnenbrand versucht, seinen wohlverdienten Jahresurlaub im fernen Domizil zu genießen. LICHT UND LIEBE ist nominiert für den Ibsen-Preis für das beste Skript und kommt als Deutschlandpremiere vom 5. bis zum 8. August nach Hamburg.
 
Dass der Kampf um den globalen Klimaschutz gerade in Corona-Zeiten an Relevanz gewonnen hat, zeigt uns die brasilianische Künstlerin, Schauspielerin und Regisseurin Gabriela Carneiro da Cunha. Sie arbeitet seit acht Jahren an einem künstlerischen Forschungsprojekt zu den bedrohten Flusslandschaften in Brasilien und zeigt nun zum ersten Mal in Europa ihre beeindruckende dokumentarische Arbeit ALTAMIRA 2042, mit der sie Möglichkeiten des Widerstandes und eine Utopie für das Jahr 2042 entwirft. (19.08.)
 
Die künstlerische Strategie vieler Sommerfestival-Arbeiten zusammengefasst: mit dem interdisziplinär geschulten Blick auf den Alltag zu schauen und mit den Mitteln der Kunst die Absurdität, Abgründe oder einen guten Song aufzudecken. Das macht meisterinnenhaft und mit überbordender Fantasie die belgische Theatermacherin Miet Warlop, deren Form- und Farbspektakel zu Highlights vergangener Sommerfestivals gehören. In AFTER ALL SPRINGVILLE, der Neuinszenierung einer ihrer ersten Arbeiten, erzählt Warlop mit laufenden Tischen und explodierenden Sicherungskästen die Geschichte vom tragischen Scheitern einer Gemeinschaft. (Weltpremiere 13.08.)
 
Gesellschaft konstituiert sich durch Gemeinschaft, durch das Zusammenkommen von Menschen. Dafür steht auch das Internationale Sommerfestival selbst – mit dem großen Festival Avant-Garten und Projekten im öffentlichen Raum, in denen die Themen Gemeinschaft und Community-Building eine große Rolle spielen. So kommt Festival-Stammgast Juan Dominguez mit Arantxa Martínez nach Hamburg zurück. Mit lokalen Performer*innen wird der spanische Konzeptkünstler drei Wochen lang die Stadt als postpandemische Bühne bespielen und nach Monaten des Social Distancing mit lebendigen Skulpturen Intimität und zwischenmenschliche Nähe in den Hamburger Stadtraum zurückbringen.

Das österreichische Kollektiv Nesterval wiederum entwirft ein Gemeinschafts-Erlebnis in einem Raum, der wie kein anderer für die Feier von Togetherness steht: Im Club Uebel&Gefährlich inszenieren Nesterval mit dem Kampnagel-Karaoke-Urgestein Queereeoké ein immersives Theatererlebnis mit der Weitererzählung von Thomas Manns „Buddenbrooks“ im Nachtleben: SEX DRUS & BUDD’N‘BROOKS ist eine spekulative Neu-Erzählung des Romanklassikers ergänzt um queere, pop- und subkulturelle Motive der Gegenwart und unter aktiver Einbeziehung des Publikums. (Weltpremiere 5.8.21)
 
LIGNA, die Hamburger Audio-Performance-Spezialisten, werden mit ihrer Festival-Neuproduktion dem leerstehenden ehemaligen Kaufhof in der Mönckebergstraße für drei Wochen wieder Leben einhauchen und neue Möglichkeiten für die Nutzung innerstädtischer Konsumräume demonstrieren. In Die Gespenster des Konsumismus nimmt LIGNA die Besucher*innen mit in das Souterrain des ungenutzten Kaufhauses und auf eine performative Reise durch einen Teil der Hamburger Geschichte und in die Zukunft der Innenstädte.
 
Die postpandemische Zukunft liegt aber nicht allein in der Neugestaltung städtischer Räume, sondern ist maßgeblich beeinflusst von neuen Technologien, die die Strukturen unseres zukünftigen Zusammenlebens auf allen Ebenen global und nachhaltig bestimmen. Das Internationale Sommerfestival lädt deshalb zu einer dreitägigen Auseinandersetzung mit den gesellschaftspolitischen, ökologischen und (neo-)kolonialen Auswirkungen neuer Technologien zur Konferenz THE FUTURE OF CODE POLITICS ein (13.-15.08.) und zeigt außerdem verschiedene künstlerische Arbeiten, die einen spielerischen Zugang zu dieser komplexen Thematik liefern.

Zum Beispiel Susanne Kennedys I AM (VR), ein digitales Orakel, das die Besucher*innen in 1:1 Begegnungen in einer virtuellen Realität befragen können. Oder der interaktiv-kooperative Agent*innen-Eignungstest als begehbare Klang- und Video-Installation von Kotka Gudmon an den Magellan Terrassen, zusätzlich zu erleben als aufwendigere VR-Game-Inszenierung in der Hauptkirche St. Katharinen. Und der Bildende Künstler Christoph Faulhaber arrangiert von Kampnagel aus einen internationalen Hackathon.
 
Mit der aktuellen Realität in Hinblick auf die Zukunft beschäftigen sich auch die Geheimagentur mit einer Seefrauen*parade im Hafen, Yolanda Gutiuérrez und Künstler*innen aus ehemaligen deutschen Kolonien mit Interventionen am Bismarck-Denkmal auf St. Pauli, Rimini Protokoll mit künstlerischen Audio-Walks, die zeitgleich in verschiedenen Städten erlebt werden können, A Wall is a Screen mit einem Kurzfilm Parcours zu brennenden Fragen der Kunst, und Abhishek Thapar geht im Kapnagel-Foyer und im Rahmen der EXIL HEUTE Produktionsresidenz in Kooperation mit der Körber-Stiftung den Arbeitsbedingungen exilierter Personen in Hamburg nach.
 
Die Anzahl der Projekte in der Stadt macht das Festival 2021 zu einem der größten der vergangenen Jahre. Und mit fünf Weltpremieren von Bühnenstücken, davon zwei in der großen Halle k6, ist trotz reduzierter Kapazität und Einschränkungen im internationalen Reiseverkehr das Programm alles andere als eine Virus-Schmalspurversion.

Dafür steht auch die dritte große Arbeit in der Halle k6: ein neuer Abend des Ballet national de Marseille, das vom jungen Kunstkollektiv und mehrfachen Sommerfestival-Gast (LA)HORDE geleitet wird. Das Stück vereint Arbeiten von vier Choreografinnen verschiedener Stile und Generationen: der Ikone des Postmodern Dance, Lucinda Childs, der formstrengen Expressionistin Tânia Carvalho, Frankreichs Ballroom-Größe Lasseindra Ninja und der Belfaster Sozialrealsitin Oona Doherty, die bereits im vergangenen Jahr auf dem Festival zu Gast war (11.-14.08.).
 
Einen ähnlich großen Stilmix bringt das Sommerfestival musikalisch in die Kirche St. Gertrud an der Mundsburg: mit Konzerten des avantgardistischen Vokal-Ensembles für Alte Musik aus Antwerpen, Graindelavoix, das Motette des italienischen Renaissance Komponisten Carlo Gesualdo als raumgreifende Konzert-Performance aufführt (07. und 08.08.); sowie mit der einzigartigen Zusammenarbeit des Leipziger Gewandhaus-Organisten Michael Schönheit und dem experimentellen Pop-Musiker P.A. Hülsenbeck in REAPING FROM THE CONFLUX (17.08.).
 
Die größte und bunteste Festival-Spielstätte ist auch in diesem Jahr der AVANT-GARTEN, der erneut von Jascha&Franz gestaltet wird, konzeptuell und mit einem dreiwöchigen Programm begleitet von der langjährigen Festival-Performancegruppe JAJAJA und dem kanadischen Multikünstler Josh „Socalled“ Dolgin, und erweitert um eine neue Waldbühne von Urs Amadeus Ulbrich und Gras & Steine. Mit Referenzen an Jahrmärkte und Freizeitparks und einem Konzept für Barrierefreiheit bietet die weiträumige Open Air Spielfläche Installationen, Performances, Kulinarik vom Peacetanbul-Restaurant und ein täglich wechselndes Bühnenprogramm.

Auf den Open-Air-Bühnen gibt es ein Programm aus avantgardistischen Konzerte, Lesungen, Solicasino im Migrantpolitan und Kinderprogramm. Außerdem präsentieren der NDR und die ZEIT-Stiftung ein Programm auf der Waldbühne im Rahmen des Hamburger Kultursommers, u.a. mit Sophia Kennedy und dem Jazzlab der HfMT.

Internationales Sommerfestival Kampnagel
Togetherness – Gemeinschaften und Kunst aus der Krise

Vom 4. bis zum 22. August 2020

TICKETS UND INFOS
Tel. 040 270 949 49 und natürlich auf der Website www.kampnagel.de/de/sommerfestival/aktuell/

Kulturfabrik Kampnagel

Jarrestraße 22, 22303 Hamburg

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