Hamburg und Olympia: Zwischen Vision, Größenwahn und Geldsorgen

Olympia Hamburg
Olympia Hamburg

Die politisch Verantwortlichen in Hamburg haben Visionen für die Stadt: Olympia. Schon wieder. dabei wissen sie doch alle, was der große Helmut Schmidt über Leute, die Visionen haben, gesagt hat. Wie ist die Lage in Sachen Olympia Hamburg? Brauchen wir das? Macht das Sinn? Was sagen die Gegner von Nolympia Hamburg, was spricht dafür, was dagegen?

2015: Ein knappes Nein, das bleibt

Schon einmal stand Hamburg im olympischen Rampenlicht – zumindest auf dem Papier. 2015 stimmten die Hamburgerinnen und Hamburger darüber ab, ob sich die Stadt für die Sommerspiele 2024 bewerben soll. Das Ergebnis war knapp, aber eindeutig: 51,6 Prozent sagten Nein, 48,4 Prozent Ja.

Dieses Nein wirkt nach. Viele, die damals gegen Olympia stimmten, hatten Gründe, die heute wieder auf dem Tisch liegen: Angst vor explodierenden Kosten, Misstrauen gegenüber Versprechen „temporärer“ Bauten, Sorge um Mieten, Verkehr, Umwelt. Die neue Debatte findet nicht im luftleeren Raum statt – sie steht im Schatten eines Volksentscheids, den viele als Warnung lesen.

Die neue Bewerbung: HAMBURG+ und das Versprechen der kurzen Wege

Der Senat möchte Hamburg erneut ins Rennen schicken – diesmal für die Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044. Das Konzept HAMBURG+ wirbt mit dem Bild eines „Festivalerlebnisses der kurzen Wege“, angelehnt an Paris: kompakt, urban, modern.

Bis Herbst 2026 entscheidet der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), welche deutsche Stadt mit ihrem Konzept zum IOC geht. Für Hamburg ist ein neues Bürgerschaftsreferendum für den 31. Mai 2026 geplant, mit gut vorbereiteter Bürgerbeteiligung und barrierefreien Wahllokalen. Genau hier wird es ernst: Nicht PR, sondern das Kreuz im Wahlzettel zählt.

Was der Senat verspricht

Die offizielle Erzählung klingt wie ein Upgrade für die Stadt. Der Senat und Unterstützer der Bewerbung nennen vor allem diese Punkte:

  • Olympia soll die Stadt weltweit sichtbarer machen und Wirtschaft, Tourismus und Image stärken.
  • Neue und sanierte Sportstätten sollen „modern und nachhaltig“ sein, viele Vereinsanlagen barrierefrei werden.
  • Der Breitensport soll profitieren: mehr Angebote, bessere Infrastruktur, stärkere Rolle des Sports im Alltag.
  • Im Olympischen Dorf sollen neue Wohnungen entstehen, mindestens zur Hälfte Sozialwohnungen – angeblich ohne bestehende Wohngebiete oder Freiflächen zu zerstören.
  • Barrierefreie Wege in allen Stadtteilen, bessere Mobilität, mehr Inklusion – auch durch stärkere Sichtbarkeit der Paralympics.
  • Und: Alles soll „solide geplant“ und „transparent finanziert“ werden, mit Bürgerdialogen und Beteiligung schon vor dem Referendum.

Kurz gesagt: Olympia wird als Hebel verkauft, um ohnehin nötige Investitionen schneller, größer, sichtbarer zu machen.

Was NOlympia befürchtet

Die Initiative NOlympia Hamburg schaut auf dieselben Pläne – und sieht das Gegenteil. In ihrem Aufruf zeichnen die Aktiven ein Szenario, in dem Olympia Hamburg nicht rettet, sondern überfordert.

Ihre zentralen Punkte:

  • Olympische Spiele nach Vorbild von Paris 2024 hätten Milliardenkosten für den Staat, während das IOC als privater Schweizer Verein satte Gewinne einfährt.
  • Hamburg ringt mit Klimaschutz, sozialer Spaltung und einem angespannten Haushalt – Olympia würde Geld binden, das für Klimaziele, sozialen Wohnungsbau und Daseinsvorsorge fehlt.
  • Der Verweis auf den Elbtower – schon ein Projekt im deutlich kleineren Milliardenbereich bringt den Finanzsenator ins Schwitzen. Wie soll da ein Megaevent gestemmt werden?
  • Geplante „Einwegsportstätten“ und eine Vorstadtarena für 30 Tage Spiele gelten als ökologisch und sportlich fragwürdig.
  • Mieten steigen, Wohnungslosigkeit nimmt zu, soziale Einrichtungen kämpfen ums Überleben – Olympia wird als „Brandbeschleuniger“ der Verdrängung beschrieben.
  • Olympic Lanes für Funktionäre und Shuttleverkehr bedeuten aus dieser Sicht: privilegierte Schnellspuren für wenige, Stau und Stillstand für alle anderen.

Die Initiative verknüpft die Kritik an Olympia mit einer grundsätzlichen Frage: Wessen Stadt ist Hamburg – die einer globalen Show, oder die der Menschen, die hier wohnen, arbeiten, kämpfen und bleiben?

Paris als Warnung: Bilanz eines Großereignisses

NOlympia verweist auf erste Zahlen zu Paris 2024: hohe Kosten für die öffentliche Hand, Gewinne für das IOC – wir erinnern uns alle an das unrühmliche, von Korruption kaum zu unterscheidende Agieren des deutschen IOC-Präsidenten Thomas Bach in Zusammenhang mit XI, Putin und dem Ukrainekrieg – kaum messbare Impulse fürs gesamtwirtschaftliche Wachstum und eher negative Effekte auf Tourismus und Kultur während der Spiele.

Selbst wenn man im Detail über Zahlen streiten kann: Die Erfahrung früherer Spiele ist selten die vom großen Geldregen. Oft bleiben Schulden, teure Spezialbauten und der bittere Satz: „Ohne Olympia wäre es billiger gewesen, die nötigen Verkehrsmittel und Wohnungen einfach so zu bauen.“

Verkehr: Olympic Lanes gegen Alltagsstau

Für viele Hamburgerinnen und Hamburger hängt die Lebensqualität an etwas Profanem: komme ich morgens durch die Stadt – oder stehe ich.

Der Senat verspricht eine moderne, leistungsfähige Mobilität, die dank Olympia schneller realisiert wird. NOlympia sieht dagegen eine Zwei-Klassen-Stadt im Ausnahmezustand: exklusive Spuren für Olympia, Stau für Pendler, Lieferverkehr, Pflegekräfte, Eltern auf dem Schulweg.

Die Wahrheit liegt wahrscheinlich dazwischen: Ja, Olympia zwingt zu Investitionen in Verkehr und Digitalisierung. Aber der Preis dafür sind jahrelange Baustellen, Umleitungen, Sperrungen – und ein Monat Ausnahmezustand, in dem der Alltag vieler Menschen nur zweite Rolle spielt.

Wohnen: Versprechen und Verdrängungsangst

Wohnen ist der wunde Punkt der Stadt. Der Senat lockt mit dem Bild eines Olympischen Dorfes, das nach den Spielen zum normalen Wohnquartier wird – mit mindestens 50 Prozent Sozialwohnungen.

NOlympia und Umweltverbände wie der BUND widersprechen: Schon heute steigen Mieten, die Zahl wohnungsloser Menschen wächst, Freiflächen verschwinden. Olympia droht aus ihrer Sicht, Bodenpreise weiter nach oben zu treiben, Spekulation anzuheizen und Verdrängung zu beschleunigen – gerade in ohnehin angespannten Stadtteilen.

Olympia wird so zum Brennglas: Es macht sichtbarer, was im Wohnungsmarkt schon brennt. Die Frage ist, ob das Feuer gelöscht oder mit Prestigeprojekten weiter befeuert wird.

Klima und Stadtgrün: Nachhaltigkeit oder Schönfärberei?

Der Senat spricht von nachhaltiger Stadtentwicklung, barrierefreien Wegen, moderner Infrastruktur. Gegner fragen: Wie „grün“ kann ein globales Megaevent mit Millionen Reisenden überhaupt sein – selbst mit Klimastrategie und ein paar Photovoltaik-Dächern?

Umweltverbände warnen vor zusätzlicher Inanspruchnahme von Grün- und Freiflächen für Sportstätten, Trainingsanlagen und Infrastruktur. Sie zweifeln, ob temporäre Bauten wirklich so harmlos sind, wie sie klingen – oder ob hier unter olympischer Flagge Tatsachen geschaffen werden, die nach den Spielen teuer und irreversibel sind.

Lesenswert ist hier der Beitrag von VOLT zu Thema soziale und ökologische Bedingungen für Olympia: www.voltdeutschland.org/hamburg/neuigkeiten/volt-unterstuetzt-hamburger-olympiabewerbung-unter-klaren-sozialen-und-oekologischen-bedingungen

Kultur, Alltag, Identität: Wem gehört die Bühne?

Olympia bringt Bilder, Emotionen, globale Aufmerksamkeit. Aber eine Stadt ist mehr als Kulisse.

NOlympia warnt: Wenn Olympiatouristen die Stadt fluten, bleiben andere Gäste weg; Kulturangebote ohne Olympia-Bezug könnten ausgebremst werden – durch Sicherheitszonen, höhere Kosten, überfüllte Innenstädte.

Auf der anderen Seite steht die Hoffnung, Hamburg als offene, vielfältige Stadt zu zeigen: mit inklusivem Sportfest, Paralympics im Rampenlicht, neuen Begegnungen in Quartieren, die sonst selten internationale Aufmerksamkeit bekommen. Olympia wäre nicht nur ein Sportprojekt, sondern eine Geschichte darüber, wie die Stadt sich selbst erzählen will.

Die eigentliche Abstimmung

Am Ende geht es nicht um eine reine Ja-oder-Nein-Laune zur Faszination Olympia. Hamburg stimmt über Prioritäten ab:

  • Soll ein befristetes Megaevent als Motor dienen, um Verkehr, Barrierefreiheit, Sportinfrastruktur und Wohnungsbau zu beschleunigen?
  • Oder frisst der Olympiatraum Geld, Flächen, politische Energie, die in Klima, Soziales, Schulen, Pflege und bezahlbaren Wohnraum fließen könnten?
  • Traut die Stadt ihrer Politik zu, ein Projekt dieser Größe transparent, sparsam und gerecht zu steuern – oder ist das Vertrauen durch Elbtower, Kostensteigerungen und frühere Großprojekte zu beschädigt?

Zwischen den offiziellen Plänen des Senats und den Warnungen von NOlympia liegt ein Feld, auf dem sich Hamburg ehrlich machen müsste: Was wollen wir wirklich? Was können wir schultern? Und wem gehört die Stadt, wenn das Feuer der olympischen Flamme längst erloschen ist?

Die Antwort gibt kein Gutachten, kein IOC, kein Verein. Sie steht irgendwann im Mai 2026 auf einem Stimmzettel.

Hamburg braucht etwas Besseres als Olympia – sagen die einen.
Hamburg braucht Olympia, um besser zu werden – sagen die anderen.

Die Entscheidung, was wir wollen und was wir glauben, was gut für uns und unsere Zukunft ist, treffen nicht Senat, IOC oder Sponsoren. Sondern die Menschen, die hier leben.

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