Einsamkeit kostet Leben und Milliarden – doch sie ist kein Schicksal. Die britische Ökonomin Noreena Hertz analysiert in Das Zeitalter der Einsamkeit messerscharf, wie Neoliberalismus, Digitalisierung und Architektur uns isolieren, und entwirft einen kraftvollen Gegenentwurf: konkrete Strategien für Einzelne, Unternehmen und Politik, um echte Verbindungen wiederherzustellen.
Die Diagnose einer Epidemie
Noreena Hertz legt mit “Das Zeitalter der Einsamkeit” keine gewöhnliche Gesellschaftsanalyse vor, sondern einen erschütternden Befund: Einsamkeit ist die stille Epidemie unserer Zeit. Bereits vor der Pandemie forderte sie Millionen Tote und verursachte volkswirtschaftliche Schäden in Milliardenhöhe. Die britische Ökonomin zeichnet das Bild einer hypervernetzten Welt, die paradoxerweise immer weiter zerfällt – eine Gesellschaft, in der Menschen trotz ständiger digitaler Präsenz existenziell allein sind.
Mit einer Mischung aus wissenschaftlicher Präzision und erzählerischer Dringlichkeit beschreibt Hertz, wie screen-süchtige Kinder, prekär beschäftigte Gig-Worker und in anonymen Megastädten verschwindende Individuen zum Sinnbild unserer Gegenwart geworden sind. Diese Geschichten sind nicht bloß Anekdoten, sondern Symptome einer tiefgreifenden Systemkrise.
Wie wir hierher kamen
Hertz macht deutlich: Einsamkeit ist kein persönliches Versagen, sondern ein politisches Versagen. Die Wurzeln reichen zurück in die 1980er-Jahre, als Individualismus zur höchsten Tugend erhoben und gesellschaftlicher Zusammenhalt systematisch demontiert wurde. Der Neoliberalismus verwandelte Bürger in Konsumenten, Gemeinschaften in Märkte und Fürsorge in Luxus.
Social Media verspricht Nähe, liefert aber nur oberflächliche Likes. Städtische Architektur produziert solitäre Labyrinthe statt Begegnungsräume. Die Arbeitswelt prekarisiert Beziehungen und verwandelt Kollegen in Konkurrenten. Der Kapitalismus, so Hertz’ zentrale These, pumpt uns systematisch in die Isolation – und profitiert davon.
Wem dieses Buch konkret hilft
Für Menschen in sozialer Isolation bietet das Buch einen befreienden Perspektivwechsel: Sie sind nicht schuld an ihrer Situation. Hertz liefert gleichzeitig handfeste Strategien zur Selbsthilfe – von der bewussten Reduktion der Smartphone-Nutzung über die Teilnahme an lokalen Veranstaltungen bis zur Freiwilligenarbeit. Die Botschaft ist klar: Echte Beziehungen entstehen durch Zeitinvestition und den Mut zur Verletzlichkeit.
Nachbarschaftsinitiativen und Community-Builder finden ein Werkzeugbuch für aktivierende Arbeit. Hertz zeigt auf, wie niedrigschwellige Formate – Straßenfeste, Kochabende, Lesekreise, Tauschbörsen – Begegnungen ermöglichen. Die Strategie: klein anfangen, Hürden minimieren, keine RSVP-Pflicht, Aufgaben teilen. Digitale Tools wie Nachbarschafts-Apps ergänzen, ersetzen aber nicht die persönliche Begegnung.
Für Unternehmen und Führungskräfte ist das Buch ein Weckruf: Isolation am Arbeitsplatz kostet Produktivität und Gesundheit. Hertz fordert regelmäßige Check-ins, Team-Building, Mentorenprogramme und kollaborative Räume – auch im Remote-Kontext durch virtuelle Kaffeepausen oder Coworking-Angebote. Wer mentale Gesundheit fördert, investiert in die Zukunft.
Politisch Engagierte erhalten eine Agenda für gesellschaftliche Transformation. Hertz plädiert für eine Politik der Fürsorge: empathische Programme gegen Isolation, Förderung städtischer Begegnungsräume, Infrastrukturen für Gemeinschaft statt Konsum. Sie ermutigt dazu, Abgeordnete zu kontaktieren, Initiativen zu unterstützen und Druck auf Wirtschaft und Staat auszuüben.
Skeptiker des Digitalen finden Bestätigung und Differenzierung zugleich: Technologie ist nicht per se schlecht, muss aber bewusst eingesetzt werden – um echte Interaktionen zu fördern, nicht zu ersetzen. Der Fokus muss sich von der Quantität der Kontakte zur Qualität der Verbindungen verschieben.
Der Weg zur Wiederverbindung
Hertz endet nicht in Pessimismus, sondern entwirft einen packenden Gegenentwurf. Sie fordert empathische Städte, die Plätze zum Verweilen schaffen statt nur Durchgangsräume. Sie beschreibt inklusive Firmen, die Menschen als Gemeinschaft begreifen statt als austauschbare Ressourcen. Sie skizziert eine Politik, die Rituale, Gemeinschaften und echte Präsenz zurückholt.
Der Plan ist konkret: Beginne mit einfachen Gesten – grüße Nachbarn täglich, biete kleine Hilfen an, hänge im Vorgarten ab, um spontane Gespräche zu ermöglichen. Plane lockere Veranstaltungen, bilde thematische Gruppen, schließe dich bestehenden Initiativen an. Fordere von Arbeitgebern und Politik strukturelle Veränderungen. Kombiniere individuelle Anstrengungen mit kollektivem Druck.
Ein Buch als Katalysator
“Das Zeitalter der Einsamkeit” ist kein Selbsthilferatgeber im klassischen Sinne, sondern ein Analyseinstrument mit Handlungsanleitung. Es hilft zu verstehen, warum wir uns trotz aller Vernetzung so allein fühlen – und was dagegen getan werden kann. Die Stärke liegt in der Verbindung von makroökonomischer Analyse und mikrosozialen Lösungsansätzen.
Wer mit diesem Buch arbeitet, gewinnt dreifach: intellektuelles Verständnis der Zusammenhänge, emotionale Entlastung durch Kontextualisierung und praktische Werkzeuge für Veränderung. Hertz schreibt für alle, die ahnen, dass Einsamkeit mehr ist als ein privates Unglück – nämlich ein gesellschaftlicher Notstand, der nach kollektiven Antworten verlangt.
Die Revolution beginnt im Kleinen
Das vielleicht Radikalste an Hertz’ Ansatz ist die Überzeugung, dass Veränderung auf allen Ebenen gleichzeitig möglich und nötig ist. Niemand muss warten, bis die Politik handelt. Jeder kann heute damit beginnen, die zerfetzte Welt neu zu weben – durch ein Gespräch mit dem Nachbarn, einen Brief an Abgeordnete, die Gründung eines Lesekreises oder die Forderung nach humaneren Arbeitsbedingungen.
“Das Zeitalter der Einsamkeit” ist lebensrettend und gesellschaftsverändernd zugleich. Es ist ein Buch für alle, die nicht länger zusehen wollen, wie Verbindungen zerreißen – und die bereit sind, aktiv zu werden. Für Menschen, die nach Orientierung suchen in einer Zeit der Fragmentierung. Für Gemeinschaften, die wissen wollen, wie Zusammenhalt entsteht. Für eine Gesellschaft, die den Kapitalismus mit Mitgefühl versehen will.
Der Weckruf ist angekommen. Jetzt liegt es an uns, aus der digitalen Blase auszubrechen und echte Präsenz zurückzuerobern.
Das Zeitalter der Einsamkeit – Über die Kraft der Verbindung in einer zerfaserten Welt
Autorin: Noreena Hertz
Format: Gebundene Ausgabe
Erscheinungsdatum: 23. März 2021
Genre: Sachbuch, Gesellschaftskritik, Wirtschaft, Soziologie
Themen: Einsamkeit, soziale Isolation, Kapitalismuskritik, Digitalisierung, Gemeinschaft, Politik der Fürsorge
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