Die magische Uraufführung: „Die Stadt der Träumenden Bücher“ erobert das Hamburger Schauspielhaus

Uraufführung Die Stadt der träumenden Bücher im Schauspielhaus. Bühnenfoto von Thomas Aurin
Die Stadt der träumenden Bücher. Foto: (c) Thomas Aurin

Am 28. November 2025 bebte das SchauSpielHaus in Hamburg vor Erwartung. Die Uraufführung von Walter Moers’ Kultroman „Die Stadt der Träumenden Bücher“ versprach ein Spektakel, das die Grenzen zwischen Literatur, Theater und Fantasie aufhebt – und sie hielt, was sie ankündigte. Unter der Regie des ungarischen Visionärs Viktor Bodó entfaltete sich eine Welt, in der Bücher beißen, Flüstern und die Seelen der Zuschauer erobern.

Eine Bühne, die atmet wie ein Labyrinth aus Papier

Der Vorhang der Uraufführung hob sich zu einer Szenerie, die wie ein lebendiges Monument der Literatur wirkte: Hohe, wild verschachtelte Regale aus dunklem Holz türmten sich empor, überquollen vor Büchern, die sich in schwindelerregenden Stapeln aneinanderdrängten. Treppen, Leitern und Emporen durchzogen diesen Überfluss, luden ein, in die Tiefen von Buchhaim einzutauchen – jener legendären Stadt, wo Worte nicht nur gelesen, sondern erlebt werden. Bühnenbildnerin Zita Schnábel schuf mit dieser Konstruktion ein Labyrinth, das sich ständig wandelte, Regale kippten um, Wände verschoben sich wie Seiten eines unendlichen Bandes. Es war, als ob die Bühne selbst atmete, pulsierte im Rhythmus der Geschichte, und die Zuschauer fühlten sich sofort hineingezogen in Moers’ Zamonien-Universum.

Durch dieses Reich bewegten sich Figuren, die aus den wildesten Träumen entsprungen schienen. Kostüme von Eszter Kálmán verwandelten die Schauspieler in Kreaturen purer Fantasie: Bücherstapel als Köpfe, wallende Haarwolken, ausgestopfte Hosenbeine, spitze Zähne und gigantische Brillen. Rote Pumuckel-Mähnen wippten, metallisch schimmernde Anzüge glänzten im Schein flackernder Lampen. Das Ensemble, begleitet von sechs Tänzern, huschte von Rolle zu Rolle – ein schrulliger Bibliothekar hier, die hellseherische Schreckse Inazea Anazazi dort, die dreigehirnige Eydeete Dr. Hachmed Ben Kibitzer mit ihrem Hang zu Sachbüchern. Jede Gestalt war ein Augenzwinkern an die Absurdität des Literaturbetriebs, ein Tribut an Moers’ spöttische Genialität.

Hildegunst von Mythenmetz: Der Heldenwurm auf der Suche nach dem Orm

Im Zentrum thronte Jan-Peter Kampwirth als Hildegunst von Mythenmetz, der junge Bücherwurm mit dem wirren Schopf, der von seinem Dichterpate Danzelot von Silberdrechsel ein perfektes Manuskript erbt. „Einmal der größte Schriftsteller von Zamonien werden“, das ist sein Traum, doch er weiß nicht, wie.

Die Reise beginnt unschuldig, führt aber in die Tiefen Buchhaims, wo Bücher gefährlich werden: Sie beißen, vergiften, flüstern Geheimnisse. Hildegunst trifft auf den krummbeinigen Agenten Claudio Harfenstock, der nur „erfolgreiche Nichtskönner“ sucht, um Profit daraus zu schlagen; auf Laptanti-del Latuda mit seinem Schredder-Halsband, der Verrisse gegen Geld vertickt; und schließlich auf den Antagonisten Phistomefel Smeik, verkörpert von Ute Hannig als literarischer Autokrat, der Bücher hortet, die Bevölkerung knechtet und sich von der „Hölle der Kunst“ befreien will, indem er alles verbrennt.

Bodó inszenierte diese Heldenreise als rasantes Roadmovie auf der Bühne: Groteske Gruselfilm-Anleihen à la 1920er-Jahre, filmische Effekte mit Live-Kamera, die mal irritierten, mal verzauberten. Fünf Musiker im Orchestergraben webten unter Klaus von Heydenabers Leitung eine Klangtapete aus Live-Musik und Sounddesign von Gábor Keresztes – cinematisch, fast durchgehend untermalt, mit Effekten, die Gänsehaut erzeugten. Musicalartige Gesangsnummern durchbrachen die Handlung: Das Ensemble stellte Rollen vor, spottete über Kritiker und Geniekulte, feierte das „große Orm“, diesen kreativen Rausch, der Autoren zu Größe treibt. Ein Schauspielhaus-Rap brachte das Publikum zum Aufstehen und Mitwippen – pure Theatermagie, die die Grenzen bei der Uraufführung zwischen Bühne und Saal auflöste.

Ein Fest der Sinne: Lachen, Schauer und eine Prise Kitsch

Das Spektakel dauerte knapp zwei Stunden ohne Pause und steigerte sich zu einem Fest der Fantasie. Tänzer erweiterten das Bild, Schauspieler gaben alles in überzeichnetem Spiel, feierten die Literatur als bedrohte, doch unbezwingbare Kraft. Die Moral schimmerte durch – Bücher überdauern Handys, Worte formen Welten –, blieb aber unaufdringlich. Am Ende zerfaserten die Fäden leicht, wie bei jeder Adaption eines 400-seitigen Romans unvermeidbar, mündeten in einen kitschigen Musical-Finale mit tosendem Applaus. Zuschauer, jung und alt, Moers-Fans inklusive, schwärmten von Kostümen, die die Fantasie perfekt einfingen, von Bildern, die staunen ließen.

Diese Premiere war mehr als Theater: Sie war eine Liebeserklärung an das Lesen, ein Aufruf, in Bücher einzutauchen, wo Gefahren und Ekstase lauern. Viktor Bodó, Sybille Meier, Anna Veress und Daniel Neumann schufen mit ihrem Team ein Werk, das Familien ab zehn Jahren verzaubert, Literaten zum Schmunzeln bringt und alle daran erinnert: In der Stadt der träumenden Bücher lebt die wahre Magie. Hamburgs Schauspielhaus hat mit dieser Uraufführung einen Meilenstein gesetzt – ein rasantes, überbordendes Abenteuer, das unter die Haut geht und lange nachhallt.

Mein Resümee der magischen Uraufführung der Stadt der Träumenden Bücher

Lektor Wolfgang Ferchl nach der Uraufführung am 28/11/2025

Wir saßen mit unsere jeweiligen Begleitung beide im Parkett bei der Uraufführung von “Die Stadt der Träumenden Bücher”. Ich erkannte den Lektor von Walter Moers durch die Buchvorstellung wenige Wochen zuvor von Walter Moers alten neuen Roman Quert an selber Stelle. Da Wolfgang Ferchl ein sehr sympathischer und zugänglicher Mensch ist, habe ich ihn direkt angesprochen, wie er die Uraufführung fand.

Wir waren uns einig, dass der Schluss des Romans in seinem Umfang und Düsternis nicht auf die Bühen zu bringen sei. Am Ende brennt “Die Stadt der Träumenden Bücher” auch noch ab und auch dies war in der Bühnenfassung des Stücks nicht zu sehen. Das tat der großartigen Inszenierung aus unserer Sicht keinen Abbruch. Als alte Kenner und Moers Fans – von denen einige bei der Uraufführung, teils in Fantasiekleidung, dabei waren, wunderten wir uns über das relativ schnelle und harmlose Ende des Theaterstücks. Aber von der Bühnenausstattung, der Maske und natürlich den Schauspielern, allen voran auch des Hauptdarstellers Jan-Peter Kampwirth waren wir beide gleichermaßen begeistert.

Ich für meinen Teil mochte die Musik nicht so ganz. Die ging mir doch zu sehr in Richtung Musical, was nun so richtig gar nicht meine Sache ist. Ich verstehe jedoch, dass angesichts der Vielfalt und Komplexität der Romanvorlage, es vermutlich naheliegt, Musik in das Theaterstück einzubauen. Keine Ahnung. Ich mochte es nicht, doch der Singsang stört auch nicht weiter, da Bühnenbild und Figuren die Sache mehr als Wett machen. Und am Ende geht es ja um die Heldenreise des Hildegunst von Mythenmetz, eines Autors, der noch nichts veröffentlicht hat. Ihm begegnen die absurdesten Figuren, die brillant umgesetzt und herrlich geschauspielert wurde.

Jan-Peter Kampwirth & Katja Danowski in Ottensen

Neben dem schon genannten Hauptdarstellern, fielen Ute Hannig, Katja Danowski und Yorck Dippe auf. Übrigens. Katja Danowski und Hauptdarsteller Jan-Peter Kampwirth traf ich just a, Vorabend der Qwert-Vorstellung in einem Comic-Laden bei mir in Ottensen, in dem beide aus der neuen Graphic-Novel (siehe unten) von Walter Moers lasen. Zufälle gibts.

Ich finde es grandios, dass mein Lieblingstheater völlig überraschend meinen Lieblingsautoren, der bisher nie etwas mit Theater am Hut hatte, auf die Bühne bringt. Mehr als gelungen. Magisch halt. Absoluter Toll

Die Stadt der Träumenden Bücher

Bühnenfassung von Sybille Meier, Anna Veress, Daniel Neumann
von Walter Moers / Familienspektakel
Regie: Viktor Bodo
Dauer: 1 Stunde, 50 Minuten
Uraufführung am 28/11/2025

Siehe: Die Stadt der träumenden Bücher Ankündigung und die Website des Deutschen Schauspielhauses Hamburg

urauffuehrung stadt der traeumenden buecher
Schauspielhaus: Ensemble der Uraufführung “Die Stadt der träumenden Bücher”
Die Stadt der Träumenden Bücher (Comic): Band 1: Buchhain
  • Buchhaim ist die „Stadt der Träumenden Bücher“, wo Bücher nicht nur spannend oder komisch sind, sondern auch in den Wahnsinn treiben oder sogar töten können
Die Stadt der Träumenden Bücher (Comic): Band 2: Die Katakomben
  • Der Bestseller jetzt als prächtiger ComicBuchhaim ist die „Stadt der Träumenden Bücher“, wo Bücher nicht nur spannend oder komisch sind, sondern auch in den Wahnsinn treiben oder sogar töten...
Die Stadt der Träumenden Bücher: Zamonien 4
  • Walter Moers' Bestseller: Hildegunst von Mythenmetz reist in die magische Welt der BücherDas Manuskript eines unbekannten Autors treibt den jungen Dichter Hildegunst von Mythenmetz nach Buchhaim
Visited 55 times, 1 visit(s) today

Schreibe einen Kommentar