Säuferkind ist kein Kiez-Roman, sondern ein dokumentarischer Schlag in die Magengrube. Cornelia Hoppe – ein Pseudonym aus Selbstschutz – erzählt von einer Kindheit im Schatten der Flaschen, vom Überleben zwischen Suff, Gewalt, Co-Abhängigkeit und dem verzweifelten Versuch, als Erwachsene den Kreislauf zu durchbrechen. Eine Erzählung, roh wie Betonstaub in den Lungen. Und doch zeigt sie, wie ein Mensch trotz aller Prägungen ein anderes Leben beginnen kann.
Säuferkind – eine Kindheit, die niemand verdient, aber viel zu viele erleben
Cornelia wächst in St. Pauli auf, damals schon ein Quartier, das seine Kinder früh erwachsen macht. Die Wohnung eng, die Eltern oft betrunken, der Alltag chaotisch. Alkoholismus ist keine Marotte, sondern ein System: Das Buch zeigt, wie eine ganze Familie in die Spirale hineingezogen wird.
Der Vater trinkt, die Mutter trinkt mit, Cornelia übernimmt Verantwortung, die kein Kind tragen kann. Diese Co-Abhängigkeit – heute ein eigener, gut erforschter Bereich der Suchtmedizin – prägt ihr späteres Leben fast ebenso stark wie die Gewalt und Vernachlässigung der frühen Jahre.
Die angehängten Rezensionen betonen besonders die ungefilterte Direktheit des Buchs: Leser*innen sprechen von einem „Küchentisch-Ton“, der sie packt, ohne Pathos, ohne Ausreden . Was bleibt, ist die Wucht einer Wahrheit, die sonst oft hinter verschlossenen Türen verkümmert.
Überleben heißt, die Scham zu beherrschen
Kinder aus Alkoholikerfamilien tragen selten nur die Verletzungen mit sich herum. Sie tragen auch die Scham. Die heimliche Angst, anders zu sein. Das Säuferkind Cornelia beschreibt, wie sie lernte, Funktionsrollen zu übernehmen: friedlich sein, erwachsen sein, leisten, ertragen. Ein Verhalten, das viele Betroffene kennen.
Und sie zeigt, wie schwer es ist, diesen Mustern später zu entkommen. Ihre Ehe mit einem Mann, der selbst trinkt, ist fast zwangsläufig – und doch findet sie einen Ausweg. Die PDFs heben die Bedeutung dieser erzählten Befreiung hervor: ein langsamer, aber klarer Weg in ein selbstbestimmtes Leben, der vielen Leser*innen Mut macht .
St. Pauli heute: Wie viel wird noch getrunken?
“Alkoholismus ist eine Familienkrankheit”, heißt es in der Suchthilfe und das trifft es präzise. Und ist erschreckend aktuell. Hamburg gehört nach wie vor zu den Regionen mit hoher Alkoholbelastung im Alltag.
Die offiziellen Gesundheitsberichte zeigen:
– Etwa 14 % der Erwachsenen in Deutschland trinken riskant.
– Rund 1,6 Millionen Menschen gelten als alkoholabhängig.
– Auf Kinder übertragen heißt das: 2,6 bis 3 Millionen Minderjährige leben in suchtbelasteten Familien.
St. Pauli selbst ist statistisch schwer abzubilden – aber wer dort lebt, weiß: Der Reiz des Exzesses gehört zum Kiez wie die Hafenluft. Die Szene trinkt weiter. Und mittendrin stehen Kinder, für die niemand „Kinderschutz“ schreit, solange der Lärm der Bars ihre Stimmen übertönt.
Das Buch als Gegenentwurf: radikal schlicht, radikal echt
Der Stil ist bewusst unliterarisch, fast knapp – aber dadurch umso treibender. Viele Kritiken loben genau diese „Schlichtheit mit Charme“ und ziehen Parallelen zu „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“.
Das Buch Säuferkind ist kein Kunstwerk, es ist ein Dokument. Und als Dokument leuchtet es. Der Journalistenblick von Mitautor Wigbert Löer bringt Struktur, ohne den rauen Ton zu glätten. Cornelia, die real anders heißt, schafft damit etwas Seltenes: Sie gibt Betroffenen Sprache, ohne sie in Opferrollen einzuzementieren.
Eine Mutter blickt zurück
Heute lebt sie frei, stabil, mit zwei Kindern – ein Leben wie ein Gegenentwurf zur eigenen Kindheit. Dieser Perspektivwechsel macht das Buch besonders wertvoll. Denn man spürt, wie sehr die Mutterschaft eine Art seelische Abdichtung wird: Wenn sie, das Säuferkind, ihre eigenen Kinder schützt, schützt sie zugleich das Mädchen, das sie einmal war.
Und genau darin liegt die emotionale Kraft dieses Buchs.
Nicht im Elend, sondern im Entkommen.
Säuferkind – Mein Leben als Co-Abhängige und wie ich trotzdem glücklich wurde
Cornelia Hoppe (Pseudonym)
Mitautor Wigbert Löer
Ullstein Verlag
272 Seiten
Taschenbuch
14,99 Euro
Erscheinungsjahr 2024
ISBN 978-3-548-06995-1
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Leseprobe Säuferkind
Weiterer Lesetipps:
- Kiezpfarrer Karl Schulz – Zwischen Kirche und Kiez: Ansichten eines Pfarrers
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- Mit Inkasso-Henry inside St. Pauli
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- Das Buch, St. Pauli und der Elbschlosskeller. Kein Roman


Ich muss ganz ehrlich sagen, mich hat der Titel dieses Buches auf diese Seite gelotst, nicht weil ich selber das Kind trinkender Eltern bin, eher im Gegenteil, aber selber vor vielen Jahren in dieses Loch “gerutscht” bin und vor rund 5 Jahren den Weg wieder hinausgefunden habe. Vielleicht war es Zufall 🙂 Auch wenn ich als gebürtiger Hamburger die Stadt gut kenne, so gucke ich doch immer mal wieder vor jedem Heimaturlaub um meiner Lebensgefährtin HH doch noch schmackhaft zu machen und stolpere da doch über dieses Buch 😉
Lange Rede, kurzer Sinn: Ohne das Buch gelesen zu haben, hat mich der Titel irgendwie, und das bitte ich keinesfalls falsch zu verstehen, “angesprochen”, klar, direkt, ungeschönt. Insofern werde ich doch direkt nach den Feiertagen mit dieser Lektüre beginnen.
Vielen Dank für den Kommentar. Kommerzielle Links sind nur in Gastbeiträgen erlaubt! 😉