Man kann dieses Buch kaum lesen, ohne ein leises Unbehagen zu spüren. Nicht, weil Jörg Baberowski die Russische Revolution 1917 in Pathos tränkt, sondern weil er sie auf ihre nüchternste, unerquicklichste Wahrheit herunterbricht: Herrschaft endet manchmal nicht in einem großen Finale, sondern in einem Gewirr aus Routine, Fehlinformation und zu spätem Handeln. Die letzte Fahrt des Zaren beobachtet eine einzige Woche – und wirkt dabei wie eine Zeitlupe des Zusammenbruchs.
Das Verstörende: Niemand, wirklich niemand, scheint in diesen Tagen einen Überblick über die Lage zu „haben“. Es gibt Brotproteste, Streiks, Gerüchte, Befehle, Gegenbefehle – und überall Menschen, die sich gegenseitig beruhigen, während die Wirklichkeit längst schneller ist. Das Buch nimmt dich mit in diesen verdichteten Moment, in dem das Untergang des Zarenreichs nicht als ferne Schicksalsstunde erscheint, sondern als etwas, das zwischen Telegrammen, Bahnhöfen und Ministerkorridoren passiert.
Russische Revolution 1917 als Krisenmoment: Warum Ordnungen plötzlich weich werden
Baberowski wählt eine Erzählweise, die weniger erklärt als sichtbar macht. Er springt zwischen Schauplätzen, Perspektiven und Akteuren, montiert Zarenhof, Duma, Kasernen, Straßen und Botschaftsberichte zu einer Chronik, die sich anfühlt wie ein Film mit schnellen Schnitten. Gerade dadurch entsteht keine beruhigende Übersicht, sondern das Gegenteil: ein Gefühl von Kontrollverlust, das den historischen Figuren erstaunlich nah kommt.
Diese Methode hat einen Preis. Die Dichte an Namen, Funktionen und Orten verlangt Konzentration – wer sich russische Politik um 1917 nicht präsent gehalten hat, wird gelegentlich zurückblättern wollen. Aber genau diese Überfülle ist Teil des Arguments: Die Februar-Revolution ist bei Baberowski kein sauber choreografierter Umsturz, sondern eine Kettenreaktion in einem überlasteten System. Der Staat wirkt wie ein Apparat, der zwar noch Geräusche macht, aber keine Kraft mehr überträgt.
Nikolaus II. und die letzte Zugfahrt: Der Autokrat als Privatmensch im Staatskostüm
Im Zentrum steht Nikolaus II., und Baberowski ist gnadenlos in der Banalität dieses Porträts. Kein dämonischer Tyrann, kein tragischer Titan – eher ein höflicher, schüchterner Mann, der Konflikten ausweicht und Politik wie eine Fortsetzung seines Haushalts behandelt. Während in Petrograd Versorgungskrise und Proteste eskalieren, fährt er im Hofzug Richtung Hauptquartier. Nicht als Flucht im dramatischen Sinn, sondern als eine Art Selbstberuhigung: weg von der Störung, hin zur Routine.
Die titelgebende letzte Fahrt wird damit zur Symbolik: Der Zar bewegt sich, aber er kommt nicht mehr an. Je chaotischer die Nachrichten werden, desto deutlicher wird seine Isolation. Er glaubt Berichten, die ihn in falscher Sicherheit wiegen, und unterschätzt die Dynamik auf der Straße – bis Generäle und politische Funktionsträger ihn als Hindernis betrachten. Die Abdankung wirkt bei Baberowski nicht wie ein aktiver Entschluss, sondern wie ein Nachgeben, fast passiv, als wäre der Thron plötzlich nur noch ein lästiger Termin.
Untergang des Zarenreichs und Gewalt: Wenn Befehle nicht mehr tragen
Besonders stark ist das Buch dort, wo es Gewalt nicht als „Ursache“, sondern als Symptom zeigt. Die zaristische Ordnung bricht nicht einfach, weil sie zu brutal ist, sondern weil sie im entscheidenden Moment nicht mehr durchsetzungsfähig ist. Befehle werden gegeben – und verlieren unterwegs ihre Bindung. Soldaten zögern, verweigern Schießbefehle, paktieren mit Demonstrierenden oder bleiben unentschlossen. In diesem Zwischenraum entsteht die gefährlichste Form von Gewalt: die ungerichtete, nervöse, die aus Angst, Hunger, Gerüchten und Machtvakuum wächst.
Baberowski bleibt auch hier unangenehm präzise: Revolutionäre wirken zunächst nicht wie allmächtige Strippenzieher, sondern oft überrollt von der eigenen Gelegenheit. Liberale und gemäßigte Sozialisten erscheinen rhetorisch stark, organisatorisch schwankend – als Leute, die den Umbruch wollen, aber vor seinen Konsequenzen zurückschrecken. Lenin steht eher am Rand des unmittelbaren Geschehens, als drohender Schatten der späteren Zuspitzung. So entsteht eine Deutung, die mehr erklärt als jede Rückschau-Logik: Im Februar 1917 ist im alten Russland vieles offen – und genau diese Offenheit macht die Tage so bedrohlich.
Dieses Buch ist damit keine bequeme Revolutionsgeschichte, sondern eine Studie über Versagen, Unterdrückung und den Moment, in dem Unterdrückung ins Leere läuft. Wer die Russische Revolution 1917 verstehen will, bekommt hier keinen ideologischen Stammbaum, sondern eine beklemmend plausible Antwort auf die Frage: Wie kann ein Staat in wenigen Tagen implodieren?
In der heutigen Zeit, in der sich ein brutalisiertes, kriegerisches, ja, mörderisches Russland offenbart, ist dieser Blick zurück, diese Beleuchtung der russischen Vergangenheit, vielleicht besonders sinnvoll. Das russische Volk, Jahrhunderte lang geknechtet und missbraucht, kennt kein friedliches, freies selbstbestimmtes Leben. Wollen wir hoffen, dass das aktuelle, grausame Putin-Regime, ebenfalls den Weg aller Tyranneien geht.
Die letzte Fahrt des Zaren – Als das alte Russland unterging
von Jörg Baberowski
Verlag: C.H. Beck
Erscheinungsjahr: 2025
Seitenzahl: 380
Kategorie: Geschichte / Zeitgeschichte
- So lebensnah erzählt, als säße man im Kino - Die letzte Woche des Zarenreiches Ende Februar 1917: In den Palästen Petrograds wird getanzt und in den Opern gesungen, während sich auf den Straßen...

