Urban Kidcaring – Kinder kriegen, Babys tragen

Urban Kidcaring – Kinder kriegen, Babys tragen

Es gehört bei uns schon zum normalen Stadtbild, Babys am Körper zu tragen. Ob Frauen oder Männer, Mütter oder Väter – der moderne Mensch trägt sein Baby selbstverständlich, fürsorglich und stolz am Körper durch die Urbanität. Urban Kidcaring. Wie ist das gekommen?

Um deine erste Frage gleich zu beantworten, seit hier auf den Babytrage-Test auf magazin.rubbelbatz.de hingewiesen. Dort siehst du, was es alles gibt, was geht und wie du dein Kind richtig trägst.

Aus meiner Sicht hat der Trend zum Urban Kidcaring, zum Tragen des Babys mit dem Buch Auf der Suche nach dem verlorenen Glück – Gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit von Jean Liedloff angefangen. Die amerikanische Publizistin veröffentlichte ihre Beobachtungen Yekuana-Indianer in Venezuela in 1980. „Bei den Yequana werden Kinder praktisch das ganze erste Lebensjahr auf dem Arm oder am Körper getragen und nach Bedarf gestillt. Die Kinder schlafen gemeinsam mit den Eltern, bis sie selbst aus dem Familienbett ausziehen, meist zwischen dem dritten und dem fünften Lebensjahr. Ermahnungen oder Tadel, wie sie Bestandteil der westlichen Erziehung sind, finden Liedloffs Beobachtungen zufolge nicht statt. Die Kinder wachsen zu ungewöhnlich freundlichen, friedlichen und selbstbewussten Menschen heran. Auf der Basis ihrer ethnologischen Feldbeobachtungen entwickelte Liedloff ihr Continuum concept.“ (Quelle: Wikipedia)

Ein tolles Buch, das mich damals, wie viele andere auch, begeistert hatte. Endlich hatten wir eine Erklärung für das seltsame Verhalten unseren Mitbürger vor allem den Kindern gegenüber. Wir spürten, dass da etwas nicht stimmt und wollten etwas anderes. Wir waren entschlossen, unsere Kinder so lange es nötig erschien zu tragen, zu stillen und mit körperliche Nähe zu versorgen. Diese Haltung wuchs damals langsam in der Bevölkerung heran und ist heute zumindest in den westlichen Metropolen weit verbreitet und „normal“.

Urban Kidcaring ist nicht überall auch Männersache

Das Buch scheint vor allem im Westen ein großer Erfolg gewesen zu sein. In anderen Winkeln der Erde sieht die Sache ganz anders aus. Da trägt man sein Baby nicht unbedingt am eigenen Leib durch die Gegend. Vor allem nicht, wenn man ein MANN ist.

Vor einigen Jahren musste ich in meiner damaligen teuren Neubauwohnung in Ottensen ein Zimmer untervermieten, um die Wohnung bezahlen zu können. Es zog eine Kasachin in das Zimmer, die ich auf einem Afrikafest in Altona kennengelernt hatte. Sie hatte in Hamburg studiert und sprach einwandfrei Deutsch. Man sah ihr aber den fernen mittleren Osten an. Sie hatte ein sehr rundes Gesicht, wie es typisch ist zwischen Kasachstan und der Mongolei. Kasachstan wurde tatsächlich Jahrhunderte lang von den Mongolen beherrscht, aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Diese junge Frau, die später von großem Heimweh geplagt Hamburg für immer verließ und in ihre Heimat zurückkehrte, erzählte mir, wie überrascht sie war, dass die deutschen Männer so rührend um ihre Kinder kümmer. Hier in Hamburg, in einer der größten Metropolen Deutschlands. In Kasachstan ist das undenkbar, da sieht man keinen Mann, der einen Kinderwagen schiebt, keinen Vater, der sein Kind in einer Babýtrage am Körper trägt. Das gilt dort als unmännlich. Und ich denke, dass dies auch für bestimmte Gegenden in Deutschland gilt, die eher ländlich geprägt sind. Aber auch in anderen Ländern, wie der Türkei oder sagen wir in Ländern, in denen der Islam herrscht, ist Kindererziehung und Babytragen Frauensache. Urban Kidcaring ist nichts für ganze Kerle.

Sehr traurig und rückständig diese Einstellung. Kinder brauchen Körperkontakt um so mehr, je kleiner sie sind. Sonst werden aus ihnen recht seltsame Menschen, denen etwas fehlt. Wie Menschen werden können, die als Kind all das bekamen, was sie brauchen, beschriebt Jean Liedloff, die übrigens die Zeitschrift The Ecologist mitbegründete, in ihrem Buch eindringlich und hat damit etwas nachhaltig in unseren Gesellschaften verändert. Nämlich das Selbstverständnis von Männern und Väter.

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