Zeugnisse in Hamburg – vor den Ferien gibt es die Senfblätter

Zeugnisse in Hamburg – vor den Ferien gibt es die Senfblätter

Hoffentlich versauen die Senfblätter, die es jetzt gibt, niemanden die Ferien. Für die einen sind diese Schulzeugnisse eine Katastrophe, für die anderen eine Bestätigung von Reife, Leistung, Bessersein und Abgrenzung nach unten. Ich finde Zeugnisse furchtbar und werde meine Tochter vor den Anforderungen der Gesellschaft, die sich über diese Machwerke vermittelt, beschützen.

In Hamburg gibt es den Schulversuch „Alleskönner“ und mit ihm an ausgesuchten Schulen keine Notenzeugnisse mehr. Puh. Die Grundschule meiner Tochter gehört dazu und hat sich auch gegen Noten entschieden. Allerdings gibt es trotzdem eine ausführliche Bewertung der Leistungen, nur ohne Schulnoten. Dasselbe in Grün also. Mir wurde das tatsächlich als „keine Noten“ verkauft, faktisch aber sehe ich kaum einen Unterschied zu Zeugnissen mit Noten.

Hamburger Zeugnisse Halbmonde statt Noten

Mögen sich die Pädagogen die Köpfe darüber fusselig reden, am Prinzip der Leistung und des Leistungsvergleichs rütteln die Voll- und Halbmonde keinen Deut. Ich verstehe nicht, was daran besser sein soll und vor allem für wen? Als Vater fühle ich mich verarscht von diesen Maßgaben und denke, diese Sache ist noch voll hinter dem Mond.

Nicht dass ich der bessere Pädagoge wäre, Gott bewahre, oder wüsste, wie ein Kind am besten lernt. Aber ich bezweifle, dass man daraus eine komplizierte Wissenschaft machen muss, machen sollte. Wir Menschen sind sehr komplizierte Wesen, aber gleichzeitig funktionieren wir unheimlich einfach. Die Wissenschaft legt nach und nach frei, was der gesunde Menschenverstand und die Intuition schon lange wissen: Wir – und vor allem unsere Kinderlernen am besten, wenn es uns Freude macht, wenn wir ausgeruht sind und wenn wir keinen Druck von außen haben, der von uns bestimmte Wissensinhalte verlangt. Und was ist? Das Gegenteil von dem, was recht und billig ist.

In unserer Kultur werden die Kinder schon früh zu Konkurrenten „erzogen“, sie werden auf Leistung und auf Karriere getrimmt, lernen, sich abzusetzen von den anderen und durch herausragende Leistungen mehr wert zu sein, als alle anderen – und sich das fürstlich bezahlen zu lassen. Das ist erwünscht. Der verbliebene Rest kann dann den Dreck wegmachen. Es geht sogar so weit, dass wir glauben, alles studieren zu müssen, dass „soziale Arbeit“ studieren muss, Betriebswirtschaft, Lehramt, Medienmanagement, Marketing und all diesen Bullshit. Kaum einer fragt, weshalb und wozu und weshalb man die Menschen so verbiegen und beschneiden muss. Aber das führt an dieser Stelle zu sein.

Die Nummer gegen Kummer – Hilfe bei schlechten Zeugnissen

Die Eliten leiden später. Aber die andern leiden vielleicht jetzt schon an dieser Unsitte der tiefgreifenden, unfreiwilligen Leistungsbewertung von heranwachsenden Menschen. Ich finde das, es tut mir leid, pervers. Jedenfalls haben mitfühlende Bürger ein Hilfstelefon eingerichtet, das für Schüler mit schlechten Zeugnissen und der großen Angst, die damit verbunden sein kann, gedacht ist. (040) 428 99 20 02
Mehr dazu: Guter Rat bei schlechten Noten

Natürlich braucht es Feedback, jedes Kind, jeder Mensch braucht eine Erfolgsrückmeldung oder Feedback zu dem, was er gerade tut. Das Leben macht das auch. Wenn dich der Partner verlässt, ist das ein klares Feedback. Aber bei diesen Bewertungen geht es weniger um Feedback, sondern um Leistung und Konkurrenz. Nichts ist gegen ein gutes Abschneiden in Wettbewerben oder beim Lernen einzuwenden. Aber man muss die Kirche im Dorf lassen. Der schulische Erfolg hängt an so vielen Faktoren, so dass die Zeugnisse nur ein kleiner Teil vom Ganzen sind. Aber sie werden von Universitäten und Unternehmen so sehr in den Vordergrund gestellt, dass im Grunde alles auf dem Kopf steht.

Ich kann nur hoffen, dass mein Töchterchen sich auf dieses Scheißspiel nicht einlässt und einen gesunden Umgang mit dem Gruppendruck findet. Diese Zeugnisse, ob mit Noten oder Monden, sind dazu angetan, dass gerade erwachsene Selbstvertrauen, das Selbstverständnis und die Selbstliebe zu untergraben und schlimmstenfalls zu zerstören. Aber all das und vor allem die Selbstliebe kann nicht an Äußerlichkeiten hängen, die einem von anderen Menschen, von „der Gesellschaft“ brutal aufgezwungen werden. Nein.

Es wird einen Wandel geben und der ist schon spürbar. Dieses aktuelle Schulsystem mit deinen Noten und Bewertungssystem ist in dieser Form dem Untergang geweiht. Hier muss eigentlich jede gesellschaftliche Revolution ansetzen. Viele gute Leute arbeiten an einem anderen, menschengerechteren Lernen und es ist jetzt schon erkennbar. Bis dahin muss aus meiner Sicht jedes Elternteil den Trampelpfad verlassen und andere Werte als die, die sich durch die Schulzeugnisse und das so propagierte Lernsystem vermitteln, leben und erkennen lassen. Dazu fordere ich alle Erwachsenen auf.

Wozu Zeugnisse?

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