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Hamburger Schulreform und die schulpolitische Evolution

6 Kommentare

Ein leidenschaftliches Hamburg-Magazin kommt nicht drumherum, über den aktuellen Schulstreit in Hamburg, über die Schulreform des schwarz-grünen Senats und ihrer Gegner zu schreiben. Letzter Stand ist, die Verhandlungen sind gescheitert! Die Bürger sollen nun im Sommer über die nun schon berüchtigte Hamburger Schulreform entscheiden. Aber der Volksentscheid ist noch nicht entschieden!

Früher sprach man auch abschätzig von „Hamburger Verhältnissen“. Jetzt ist zwar alles ganz anderes gelagert, doch die Farce um die Hamburger Schulreform, die jetzt in einem Volksentscheid münden könnte, spricht für recht absurde „Hamburger Verhältnisse“. Dabei steht außer Frage, wer für das Scheitern der Verhandlungen um Refomierung des Schulsystems in der Hansestadt verantwortlich ist: Die Initiative „Wir wollen lernen“! Es sieht alles danach aus, als hätte sich diese Eltern-Initative nur zum Schein auf Verhandlungen mit dem Senat eingelassen und wollte von Anfang einen Volkentscheid erzwingen. Bitte schön.

Schulkampf bis zur Urne titelte die TAZ und druckt dazu ein erhellendes Interview mit Klaus Wenzel, dem Präsidenten des bayrischen Lehrerverbandes ab. Wenzel findet, dass man eine „schulpolitische Diskussion vermeiden und stattdessen eine pädagogische Diskussion führen“ sollte; er möchte, dass man heute damit beginnt, „eine schulpolitische Evolution vorzubereiten“.

Der besten Aufsatz, den es zu dem Thema zu geben scheint, findet sich auf Zeit Online von Reinhard Kahl. Sein Titel bringt es auf den Punkt: Schulstreit: Angst vor der Individualität in Hamburg.

Hamburger SchulstreitKahl erklärt in seinem Beitrag, was die Schulreform eigentlich soll:
Angst ist ein Feind des Lernens. Das gilt in der Politik wie im Klassenzimmer. Ein Motiv für die Einführung des „längeren gemeinsamen Lernens“ in Hamburg ist denn auch, Angst aus dem System zu nehmen. Angst lähmt. In der Schule führt sie dazu, dass man lieber intelligent guckt, als eine vermeintlich dumme Frage zu stellen. Oder nur für die Prüfung zu lernen. Dieses Pseudolernen nimmt zu, sobald die Kinder vor der Frage stehen: Schaffe ich es zum Gymnasium?

Und erkennt die Motive der Reformgegner nachweislich und erklärt, Individualisierung in der Schule sei keine „fixe, reformpädagogische Idee, sondern die Antwort auf eine veränderte Gesellschaft. Die Schulen hängen demgegenüber häufig noch tief im letzten und vorletzten Jahrhundert.“ Und weiter: „In den alten Normierungsanstalten waren eigensinnige Individuen nicht vorgesehen. Und auch heute noch wird Verschiedenheit oft als Störung, als Problem gesehen, über das Lehrer klagen und das Eltern Angst macht. Gerade diese Angst ist es, die viele Reformgegner dazu treibt, ihre kleinen Prinzen vor den Schmuddelkindern möglichst früh in einem Gymnasium in Sicherheit bringen zu wollen.“

Darüber sind sich viele Beobachter einig:

  • Die Initaitve der Reformgegner war daran interessiert, die Verhandlungen scheitern zu lassen
  • Die meisten Eltern haben wegen des gestrichenen „Elternwahlrechts“ für den Volksentscheid gestimmt

In vielen Bundesländern und in Europa ist die Primarschule bzw. das verlängerte gemeinsame Lernen längst eingeführt, da man weiß, dass es besser für die Kinder – und für die Gesellschaften! – ist. In Kanada lernen die Schüler sogar 12 Jahre zusammen.

Im Hamburger Schulstreit kann es noch zu einer Einigung, wie es sich andeutet, in der Sache kommen, wenn alle Fraktionen der Hamburger Bürgerschaft zusammen mit dem Senat eine vernünftige Lösung beschließen. Diese könnte noch im März erarbeitet werden. Dass es immer ein paar Unzufriedene geben wird, ist klar.

Bei Schalthoff Live auf Hamburg1 erfuhren wir gestern zum Thema einen interessanten Satz von Prof. Dr. Hans-Jörg Schmidt-Trenz von der Hamburger Handelskammer: „Die Wirtschaft ist darauf angewiesen die Begabungs-Reservern aller Schüler zu heben!“ Ein übler Satz, der mir Angst macht, Menschen, die so reden können machen mir Angst.

„Lernen in der Schule wurde bisher überwiegend als die passive Seite von Belehrung verstanden, nicht als konstruktive Leistung aktiver Individuen, von denen keines wie ein anderes tickt.“ Solche dagegen Sätz machen am Ende wieder Hoffung.

„Längeres gemeinsames Lernen folgt nicht nur dem Leitbild einer Gesellschaft mit mehr Zugehörigkeit und Vertrauen. Es verbessert die Lernergebnisse. Denn es ermöglicht Individuen das Wagnis, sich bewusst zu werden, Umwege zu gehen, aus Fehlern zu lernen, statt sie zu vertuschen“, so Kahl in seinem tollen Artikel.

Ein weiterer lesenswerter Artikel von Kahl heißt Schulreformen in Hamburg – Bildungspolitik als Kuhhandel.

Dagegensein reicht nicht, man muss auch sagen, wofür man ist. Da hat die Schulsenatorin Christa Goetsch recht. Und natürlich hat eine Reform niemals 100%ige Zustimmung. Das Elternwahlrecht wird jedenfalls nun doch nicht abgeschafft. Hier war der Protest mehr als berechtigt und fruchtbar.

Hier der2. Brief an die Hamburger Schulen von Christa Goetsch. Übrigens: Eine der ersten Hamburger Schulen in Hamburg, die die Primarschule umgesetzt haben, ist die Schule Rellinger Straße.

Foto Ausweg: Henry Herkula

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6 Kommentare

  • 18. Februar 2010 zu 12:13
    ebiko

    Es ist eigenartig, wie unterschiedlich die Wahrnehmungen sind. Ich konnte mich dem Eindruck nie erwehren, dass CDU und GAL einen Kompromiss nie wollten (s. auch Interview mit Frau Goetsch und Herrn v. Beust im Abendblatt). Als intensiver Verfolger der Verhandlungen, musste man feststellen, dass die anfänglich gemachten Kompromissvorschläge bei jeder Verhandlung von Seiten der Koalition schrittweise zurückgenommen wurden. Warum scheut man nur so sehr den Vergleich der Systeme? Bildungsvielfalt ist nicht schädlich, s. auch Schulsystem und deren Erfolge in den Niederlanden.

    Antwort
  • 18. Februar 2010 zu 15:19
    Helga Pagenkopf

    Sie irren sich in Ihrem Artikelüber die Schulreform mächtig, wenn Sie behaupten, dass die meisten Gegner der Schulreform unterschrieben hätten, weil man das Elternwahlrecht für die weiterführende Schule Gymnasium abschaffen will. Keine von den fast 350 Unterschriften, die ich für das Volksbegehren gesammelt habe, hat dies als einzigen Grund genannt. Die meisten und wichtigsten Gründe waren die Amputation des Gymnasiums um zwei wichtige Schuljahre und das Zerschlagen unserer so vielfältigen Bildungslandschaft in Hamburg!!!!

    Antwort
  • 18. Februar 2010 zu 19:21
    Paula

    Ich habe mich intensiv mit der Schulreform beschäftigt und war anfänglich dagegen. Inzwischen sehe ich die Vorteile.
    Unschön ist zwar, dass die Gymnasien um 2 Jahre amputiert werden, aber mit einem engagierten Elternhaus und ein paar Nachhilfestunden wird man diese Hürde auch noch schaffen. Aber die Primarschule ist prima: Das „gemeinsame“ Lernen im geplanten Kurssystem mit altersübergreifendem Lernen ermöglicht guten Schülern das Verlassen der 6-jährigen Grundschule bereits nach 4 Jahren. Auch nicht schlecht! Etwas langsamere Schüler dürfen, wenn ich richtig gelesen habe, 8 Jahre die Primarschule besuchen. Das finde ich kuschelig. Sozial nicht gefestigte Kinder können sich toll lange einleben in den grossen Primarschulen mit jeweils ca 500 Schülern. Für diese Kinder ist das Kurssystem mit Lehrerkollektiven auch viel besser als familiäre kleine Klassen mit festem Klassenlehrer als Bezugsperson. Und wenn dann 10 und 14-jährige gemeinsam lernen und Legospielen ist alles gut.

    Antwort
  • 22. Februar 2010 zu 13:59
    SavaStomp

    die internationalen vergleichsstudien zeigen, dass gerade die bisherigen grundschulen recht erfolgreich sind und sich die kinder gut entwickeln. die pisa studien zeigen das gegenteil. ergo ist der schluss daraus zu ziehen, dass die grundschulen bereits gute arbeit leisten. insofern ist es doch sinnvoll ihre pädagogische arbeit zu würdigen, die grundschulzeit zu verlängern und mit den anforderungen der weiterführenden schulen zu vernüpfen mit fachunterricht und lehrern ab klasse 3. aber so, dass die erfolgreichen methoden der grundschule dominieren und nicht die weniger guten der weiterführenden schulen bestehen bleiben. die scheuerls & co verbreiten dagegen gern ammenmärchen über „versuchskaninchen“. das ist erbärmlich, weil sie nichts aus der sache und dem inhalt wegen diskutieren, wo es unzählige schulen gibt, die bereits sehr erfolgreich so arbeiten, sondern mit dem alleinigen ziel, die reform zu verhindern. und zwar aus angst, dass sie ihre privilegien verlieren. lange zeit hat man sie nicht ernst genommen, so dass sie ungehindert auf der straße agieren konnten. insbesondere während des volksbegehrens durfte nicht gegenplakatiert werden, in den einkaufszentren wurden sie bevorzugt hinein gelassen, damit sie ihre unterschriften sammeln konnten. gegeninitiativen durften nicht hinein.
    aber nun ist die welt aufgewacht. es gibt viele eltern, elternräte und pädagogische fachleute, die sich für die reformen aussprechen (siehe proschulreform.de). es gibt auch chancen für alle, die ein dachbündnis gründen. scheuerl ist jetzt nicht mehr allein der, der die deutungshoheit seitens der eltern hat. mit kritischer begleitung hat das sowieso nichts zu tun, denn es geht, wie der panorama-beitrag am 18.02. gezeigt hat um abgrenzung von oben (siehe podcast). hier muss die gesellschaft zusammenhalten und die scheuerls & co (contras) erziehen. sie wollen ja lernen – nicht wahr?

    Antwort
  • 23. Februar 2010 zu 01:32
    Paula

    Hallo SavaStomp,
    es gibt viele Eltern, Elternräte und pädagogische Fachleute, die sich für die Reformen aussprechen.

    Leider haben viele unpädagische Leute wie Großeltern, Onkel, Tanten und vor allem unwissende Kinderlose beim Volksbegehren unterschrieben. Daher kamen ja so viele Unterschriften zu stande.
    hmmm was ist mit Fr. Goetsch und Hr. Beust?!)

    An den Schulen sind sowieso ganz viele pädagische Fachleute, daher haben wir ja auch keine Schulprobleme. Daher sind natürlich pädagische Fachleute bei der Schulreform excellente Ratgeber.
    Und die Grundschulen leisten bereits gute Arbeit, daher müssen wir die Grundschulzeit verlängern. Nein, noch besser: die Kindergärten sind ja noch toller, daher sollte zukünftig der Grundschulunterricht von Kindergärtnerinnen durchgeführt werden.

    Wenn man nicht viel nachdenkt, liegen die Lösungen so nah.

    Antwort
  • 23. Februar 2010 zu 14:46
    Gymnasiast

    Hallo Paula,
    ich habe selten derart wirre Polemiken gelesen wie die von Dir. Aber vielleicht ist es ja Deine Absicht, Verwirrung zu stiften?

    Hier kommt übrigens der Link zum Panaorama-Beitrag, den SavaStomp angesprochen hat:

    https://daserste.ndr.de/panorama/media/panorama408.html

    Dieser knapp 9-minütige Fernesehbeitrag macht doch sehr deutlich, dass hinter der ganzen Demagogie der Schulreform-Gegner auch recht handfeste Ständeinteressen stehen.

    Apropos Demagogie: Allein dieses »Wir wollen lernen.« Was für ein übler Spruch! Ein Spruch, der allen Schulreformgegnern unterstellt, sie würden nicht lernen wollen.

    Aber vielleicht ist es jetzt langsam wirklich Zeit, mal dagegen zu halten und zu sagen:

    Wir sind doch nicht bescheuerlt!.
    Wir lassen uns von Herrn Scheuerl nicht für dumm verkaufen!
    Wir wollen, dass unsere Kinder endlich b e s s e r lernen können!

    Antwort

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