Aktionswoche Alkohol

Aktionswoche Alkohol

Es ist ein Kampf gegen Windmühlen in dieser Gesellschaft. Der Alkoholkonsum nimmt stetig zu, wie auch die bonbon-farbigen Biere. Der Hamburger Kiez wird am Wochenende von einem wandelnden Herr aus Schnapsleichen bevölkert und trotzdem ist das Thema Alkohol und Trinkverhalten tabuisiert. Keine Gelegenheit wird ausgelassen, sich billig zu beschwipsen. Da ist die Aktionswoche Alkohol, die am Samstag beginnt, nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Dennoch ist sie sehr wichtig, um die Diskussion über den Drogenmissbrauch in Gang zu halten.

Es ist nicht jedem Menschen vergönnt, in der Pause eines Fussballbundesliga-Spiels ein Herrenklo aufzusuchen. Eine größere Schweinerei lässt sich kaum denken. Ein gepisse ist das, ein Elend teilweise, ein Gegröhle in diesem wirren, alkoholischen Gemenge aus hunderten angeschickerten Fussballfans. Das aber scheint zu unserer Kultur zu gehören. Es ist widerlich.

Erwachsene und Jugendliche für einen maßvollen Alkoholkonsum zu gewinnen ist das Hauptziel der bundesweiten Aktionswoche Alkohol die vom 21. bis 29. Mai 2011 stattfindet. Die Botschaft der Aktionswoche 2011 soll viele Menschen ansprechen, denn rund 9,5 Millionen Menschen in Deutschland konsumieren Alkohol auf riskante Weise, davon sind 1,3 Millionen abhängig.

Dabei weiß kaum jemand, was es eigentlich bedeuet, abhängig, ja süchtig – und das heißt: krank! – zu sein. DAfür sprechen auch die aktuellen Erhebungen zum Thema: Jeder fünfte Deutsche trinkt zu viel Alkohol.

Die Aktionswoche Alkohol wird von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) e.V. unter der Schirmherrschaft der Drogenbeauftragten (!) des Bundes durchgeführt.

In der Aktionswoche Alkohol sollen möglichst viele Menschen auf öffentlichen Plätzen, in Betrieben und Verwaltungen, in Arztpraxen und Apotheken, in Kirchengemeinden, in Vereinen usw. erreicht werden. Also einfach überall dort, wo sie sich aufhalten. Mitarbeiter/-innen aus Beratungsstellen und Fachkliniken, Fachkräfte aus Suchtprävention und Suchthilfe sowie Mitglieder von Sucht-Selbsthilfegruppen werden in der Aktionswoche in die Öffentlichkeit gehen und in persönlichen Gesprächen ein verstärktes Bewusstsein für einen verantwortungsbewussten Umgang mit Alkohol schaffen.

Niederschwellig beginnen und die Aufmerksamkeit auf das kritische Verhalten lenken mit griffigen und für manche provokante Parolen: Alkohol? Weniger ist besser!

Aktionswoche Alkohol in Hamburg 2011 Programmheft

Ein paar Gedanken zum Thema

Besoffen sein ist entwürdigend, ein erbarmungswürdiger Zustand, in der sich der Betrunkene selber, ganz freiwillig gebracht hat. Warum ist diese Würdelosigkeit bei vielen und insbesondere jungen Leuten so erstrebenswert?

Die Frage ist, warum in unserer Kultur Alkohol eine so große Rolle spielt. Das ist natürlich nicht in jeder Kultur so und es ist nicht nur Alkohol, sondern Drogenmissbrauch allgemein. Dass jeder Kokser schwer kriminelle Mörderbanden unterstützt, Partydrogen-Benutzer die Mafia stärkt und Kiffer sich ebenfalls im zwielichtigen Milleu bewegen, wollen wir hier beiseite lassen. Denn Alkohol ist legitim. Sich die Birne – und erst spät die Leber – wegzusaufen, seine Familie zu traumatisieren und unglaubliche Scheiße bauen, ist hierzulande offenbar toleriert. Die Alkoholindustrie hat viel Macht, weil viel Geld und viele Arbeitsplätze. Sie denkt sich ständig neue Varianten auf, um den scheußlichen Geschmack des Zell- und Nervengifts Alkohol mit blumigen Süssigkeiten zu übertünchen. Hauptsache es knallt.

Gehst du am Wochenende über die touristengeschwängerte Reeperbahn, das legendere, verruchte Pflaster, Hamburgs heiliger Partystreifen, weißt du Bescheid. Das Elend nimmt kein Ende, die saufende Provinz auch nicht. Kotze, Enge und Gegröhle, dazwischen gepanzerte Polizei, um die wilden Gruppen schwer angetrunkener Jugendlicher irgendwie in den Griff zu kriegen. Ein Waffenverbot gilt längst auf der sündigen Meile, aber das wars dann auch. Hier gilt: Saufen bis der Arzt kommt.

Feiern ist oft das politisch korrekte Wort für betrinken und Party machen meint eigentlich besoffen sein. Bei jeder Menschenansammlung kannst du durchzählen: Jeder 5. trinkt zu viel (Alkohol), jeder zehnte schafft es nicht, wird Opfer des Giftes und mit ihm seine Familie, seine Kinder. Interessiert aber niemanden. Vor allen die Jungen nicht. Sie haben andere Sorgen. Klar. Viele sind desorientiert und auch im jungen Erwachsenenalter unreif. Party machen geht. Rebellion erstickt in Ekstase, Widerstand gewässert mit Schnaps und Bier. Und Red Bull.

Saufen und feiern ist cool, immer noch. Jedes Wochenende ist Feiertag. Mindestens. Man kämpft sogar für ein Recht auf Party. Manche leben nur auf die nächste Party hin, sehnen sich das Wochenende herbei um sich mehr oder weniger gepflegt abzuschießen, wegzumachen. Waren seinerzeit, seit Menschen Gedenken, die Feiern eingebunden in rituelle Gepflogenheiten, Traditionen und religiöse Bezüge, sind sie heutzutage völlig losgelöst von Anlass oder Regeln. Maßlosigkeit ist das neue Maß. So scheint es jedenfalls.

Vielen Danken, die “Penner” wären die Alkoholiker, aber das stimmt nicht. Die meisten Menschen, die Probleme mit Alkohol haben und ihre Leben und das ihrer Angehörigen aufs Spiel setzen, sind ganz normale Leute und nicht als “Alkoholiker” zu erkennen. Ärzte, Juristen, Piloten, Polizisten, Arbeiter, Arbeitslose, Verkäufer, Designer, Politiker, Pfarrer, LKW-Fahrer, Firmenchefs, Vertreter, Berater, Professoren. Frauen sind übrigens stark im Kommen. Insgesamt ist in der Bevölkerung wenig bekannt über die Gefahren des König Alkohol und wie so oft durchsetzt mit Vorurteilen und Halbwissen.

Irgendwie sind wir alle in Watte gepackt und lassen uns das gefallen. Wir sind umgeben von Sicherheit, einem Gewirr von Regeln und Verordnungen, verschiedenen Bequemlichkeiten, einem kaum zu durchdringenden Geflecht aus Versprechungen und Wohlständen. Abgeschnitten, abgeschnitten von unserem Selbst und unserer Geschichte. Die Krux ist, dass es uns gut geht. So heißt es zumindest. Und in der Tat genießen wir in Deutschland einen einzigartigen Luxus – im Gegensatz zu der bitteren Armut der meisten Menschen dieses Planeten – einer beinahe beschämenden Sicherheit und einem trotzigen Wohlstand.

Die Lebenserfahrung sagt einem, dass alles seinen Preis hat. Du kannst alles machen, musst aber die uneingeschränkte Verantwortung für Dein Tun übernehmen. Hinweise auf ein Missverhältnis gibt es genug. So ist seit einiger Zeit aus der trendigen “Glücksforschung” bekannt, dass die Zufriedenheit der Menschen nicht mit ihrem Reichtum oder ihrer Sicherheit gewachsen ist. Im Gegenteil. Die glücklichsten Menschen gibt es dort, wo es wenig gibt. Und wo dementsprechend auch wenig Drogen und Alkohol konsumiert werden.

Aber davon wollen wir nicht wirklich etwas wissen. Wir sind auch schnell wieder abgelenkt, wenn unsere wohlangesehen Medien, die nächste Katastrophe heraufbeschwören oder ein bestimmtes Unheil ausbreiten, damit wir Angst haben und mehr Informationen von ihnen kaufen. Auch dies eine Krux, sind wir doch auf gute und wichtige Nachrichten geradezu angewiesen.

Wenn man diese Dinge weiter durchdenkt, kommt man immer wieder zum Ursprung des Menschengeschlechts. Als wir noch in Höhlen lebten oder in der endlosen Savanne, als wir Jäger und Sammler waren, lange, lange hunderttausende von Jahren, die uns genetisch bis heute “nachhaltig” prägten. Diese uralte Erbe in uns beeinflusst auch heute noch unser Verhalten, daran kann es keinen Zweifel geben. Und in der Regel, insbesondere im urbanen Umwelt der gemütlichen Demokratien, ist genau dies unangemessen … überflüssig.

Titelfoto: Benno K.

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