Theater: Das Wunder von St. Georg

Ein Theaterstück aus der Thalia-Reihe „Limited Edition“ von Peer Paul Gustavsson.

Das Schöne am Neuen ist ja, dass man es entdecken kann. Da kann man alt werden wie Methusalem und gewahrt von einem Tag auf den anderen, dass man nur 15 Minuten Fußweg von einem wunderbaren Theater lebt. Gut, ganz abgesehen davon, dass die Hamburger Kammeroper nur 2,5 Minuten entfernt ist und ich sowieso innerhalb von deren 30, gehenden Fußes die allermeisten Kulturtempel erreiche.

Gestern nun schleppte mich meine Haupt-Kulturreferentin (Fachgebiet: Underground) ins THALIA in der Gaußstraße zu: Das Wunder von St. Georg.

Mit ihr erlebe ich immer die skurillsten Geschichten, vom Millerntorstadion, über Hochzeitsüberraschungmenüs bis hin zu Kommunikations-Design-Diplomausstellungen und zur großen Oper.

Für sage und schreibe € 8,- bekommt man ganz großes Tennis geboten. Überhaupt, da „Kultur“ ja in weiten Teilen vom Staatswesen gesponsert wird, ist es locker möglich, für 8-10 EURO in den Genuß der Hochkultur unseres Abendlandes zu kommen.

Da sich, wie ich vermute, auch Kultur-Banausen unter uns befinden, sei ihnen versichert, dass Hochkultur weder langweilig, noch spießig, noch klassisch daherkommen muss. Sondern eben auch sehr kurzweilig, leicht, locker und lustig. Wie Fußball. Um es hier nochmals den Naserümpfern eindeutig ins Gemüt zu zimmern: Fußball ist eine grandiose KULTURLEISTUNG unseres christlichen Abendlandes europäischer Nation! So.

Das Wunder von St. Pauli – um endlich mal zur Sache zu kommen – ist ein Stück über den Fußball. Oberflächlich betrachtet. Es dauert exakt 70 Minuten und ist rasend komisch. Doch eigentlich geht es um das Rentnerdasein im Besonderen. Die Geschichte geht folgendermaßen:

Ein latent griesgrämiger Rentner philosophiert trocken über seinen Ruhestand, der vor 14 Tagen begonnen hat. Es zwickt hier und da, er liest gerade ein Buch vom Dalai Lama – der vermutet als Biene reinkarniert zu werden, da ihm Honig so gut schmeckt – und sinniert über Reinkarnation („Überschrift: Ich war eine Mätresse von Dschingis Kahn und bin jetzt Kassierin bei Penny“) – und über Fußball („Nach dem Spiel, ist vor dem Spiel“). Tatsächlich, ihm erscheint der Fußballgott, der aus gleißendem Licht heraus im superprolligen Outfit ein Fußballgedicht zum Besten gibt – nicht ohne ein paar englische Sätze, da dieser Sport ja im Engelland geboren wurde.

Dann ist Mittag, Opa muss nach Hause, es gibt Pfannkuchen (Eierkuchen/Plinsen). Oma und Opa haben sich furchtbar lieb und frotzeln sich herrlich an („Das meint sie nicht so!“). Opa kuckt abends Fernsehen, Fußball, Confederation-Cup („NEIN, du störst nicht!“).

Die einzelnen Szenen sind sehr, sehr kurzweilig und haben ein wundervolles Tempo. Die kurzen Umbauten auf der Bühne (eher improvisierte Ausstattung) sind mit tollen Songs untermalt und auch sehr lustig anzuschauen, es wird getanzt und rumgespackt, dass es nur so eine Freude ist.

Die Tochter der Familie ist Schauspielerin und muss zu einem Casting nach München (Opa: „Casting? Für was denn?“ Oma: „Keine Ahnung“). Sie gibt ihren Hund für diese Zeit zu ihren Eltern und das kommt denen gerade recht. Wie aus dem richtigen Leben, ist Opa erst gegen den Hund und Oma dafür, später ist es genau umgekehrt (Oma: „…und er haart und pupst!“ „Pssst, nicht vor dem Hund!“)

Der große schwarze Hund ist in diesen Szenen aus Stoff und macht gar nichts, er ist lethargisch und lahm. Man streitet sich über sein Alter („Er ist 11!“ – „Er ist fünf“). Opa entdeckt beim Spazierengehen – das ist immer sehr lustig, denn man trifft verschrobene Rentner und ganz groß auch zwei reifere Damen beim Nordic Walking („Nein, ist der lieb, der ist aber lieb, wie lieb er ist…“ Opa: „Peinlich!“) – dass der Hund Talent zum Fußballspielen hat. In den Fußballszenen kommt ein großer schwarzer Labrador auf die Bühne, der ein ruhiger, sehr lustiger Hund ist, viel Spaß hat und tatsächlich sehr gut mit dem Ball umgehen kann.

Nun denkt Opa, der Hund sei ein reinkarnierter brasilianischer Fußballspieler und versucht ihm zu helfen. Er beginnt mit ihm ein paar portugiesische Sätze zu sprechen („Du sprichst mit dem Hund?“). Er findet natürlich nicht heraus, um welchen Fußballer es sich dabei handelt. Sie schauen sich alle Weltmeisterschaften auf Video an. Deutlich ist, dass, wenn der Hund kein Fußball spielt, er lethargisch daliegt und erst wieder auflebt, wenn er einen Ball hat.

Opa ist von seiner Theorie fest überzeugt und zerstreitet sich darüber mit seinem besten Freund Michael, da der ihn für verrückt erklärt („Ja, das Rentnerleben ist nicht einfach!“). Alle wenden sich von ihm ab. Sehr schöne Szene in einem Bistro, in dem sie sich zerstreiten, mit einem grandios lustigen spanisch-portugiesischen Kellner („Caipirinha nur trinke, wenn dir gut geht, sonst alle wird noch schlechta!“).

So beschließt Opa, das Training der Mannen von St. Pauli (zur Zeit übrigens 4. in der „Regionaliga Nord“ und am 12.4 gegen die Bayern im DFB-Pokal-Halbfinale) mit dem Hund zu besuchen und ihn dort von der Leine zu lassen. So geschiehts. Aber wie lustig, es gibt tatsächlich ein Training der Mannschaft (mit zwei durchgedrehten Schaupielern) und drei Pauli-Fans, wie sie lustiger nicht aussehen können (sie singen später Hymnen auf den Hund). Der Hund lässt die Pauli-Kicker alt aussehen und gehöre eigentlich ins Mittelfeld…

Jener Kellner spielt später noch den aufgedrehten Sohn (tierisch lustig dieser Schauspieler!) vom Opa, der das Talent vom Hund versilbern möchte und die Idee hat, ihn auf Dorffesten („In Buchholz“) gegen die örtliche Fußballmannschaft spielen zu lassen – für ein Preisgeld von zunächst € 500,-. Er würde das organisieren und man könne reich damit werden, wenn der Hund erstmal bekannt würde, und Oma und Opa könnten sich endlich ihre Weltreise leisten…

Plöztlich befindet man sich auf einem solchen Dorffest und es werden die National-Hynmen gesungen. Die italienische für den Hund („Aber das ist doch gar nicht die Hymne von Brasilien!“ „Na und? Merkt doch keiner…!“) und „An der Nordseeküste“ für die Dorfmannschaft. Natürlich gewinnt der Hund und die Familie gewinnt die 500 Euro.

Und tatsächlich: Der Hund wird berühmt und der Rubel rollt. Er tritt sogar bei Gottschalk auf, wie die Bild-Zeitung berichtet.

Der Opa ist nun wieder allein, da der Hund auf Tournee ist. Schon fängt es wieder an zu zwacken und zu zwicken. Er muss sich neu organisieren. Er spinnt aber auch das mit dem Fußball und dem Hund zuende und es wird der Ausgang des Endspiels der WM in Deutschland per Video gezeigt. Brasilien gewinnt gegen Deutschland mit 3:2 in der letzten Minute durch ein Tor von … dem Hund.

Tosender Beifall.

Nein, so etwas Lustiges habe ich lange nicht mehr gesehen. Das Stück wurde von dem Hauptdarstellter Peter Maertens – der übrigens brillierte – unter dem Pseudonym „Peer Paul Gustavsson“ geschrieben und der Hund war tatsächlich der Hund seiner Tochter.

Meine charmante Begleitung kennt den Regisseuer Dominik „Nick“ Günther , der gerne Trash-Zeugs inszeniert – wie er selbst sagt. Ein echt schräger Vogel. Als ich ihm sagte: „Ja, so habe ich mir den Fußballgott vorgestellt!“, meinte er nur: „So habe ICH ihn mir vorgstellt!“

Ach, je, Theaterleute sind schon ein Volk für sich. Man tratschte dann noch mit seiner superattraktiven Nachwuchs-Schauspielerin („Noch ein Jahr!“), mit zauberhaften blauen Augen. Und ich wusste, dass nahezu all diese Leute krasse Narzissten sind. Aber man muss sie ja nicht heiraten.

Ich habe mir dann noch ein THALIA-T-Shirt mit dem Aufdruck: ZEIT ZU LIEBEN gekauft. Außerdem habe ich jetzt ein DEUTSCHLAND-FÄHNCHEN! Thalia ist großartig! Das Stück war wirklich klasse, die Location toll, der Abend gelungen. Ich denke, das kuck ich mir noch mal an.

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