Bernd Begemann: Anti-Prostitutions-Kampagne ist reine Demagogie

Bernd Begemann: Anti-Prostitutions-Kampagne ist reine Demagogie

Vielleicht ist es ja das älteste Gewerbe der Welt, wer will das wissen. Auf sicher aber hat es nicht nur mit Ausbeutung, Sklaverei, Gewalt gegen Frauen und Unterdrückung zu tun. Es darauf zu reduzieren heißt, den „Sexarbeitern“ und Prostituierten pauschal und allen „so etwas wie freie Entscheidungsfähigkeit“ nicht zugestehen“, wie Bernd Begemann es in seinem lesenswerten Beitrag auf WELT ONLINE unter dem Titel „Prostitution ist ein Deal, kein Verbrechen“ schreibt.

Der Hamburger Musiker Begemann bezieht Stellung in der Debatte um die Prostitution in Deutschland. Unser Land wäre im Gegensatz zum Rest der Welt seit der Änderung des Prostitutionsgesetzes 2002 „das Paradies für Sextouristen“, findet Alice Schwarzer. Ihre Kampagne gegen das Gesetz, „die Handschrift der Frauenhändler“ trage und „moderne Sklaverei“ fördere, unterzeichneten viele Prominente. Unter anderem Margot Käßmann, Maria Furtwängler, Wolfgang Niedecken, Hannes Jaenicke, Senta Berger, Ranga Yogeshwar. Es wird auch eine Bestrafung der Freier gefordert, was folgerichtig ist, wenn man Prostitution Hauptsächlich durch die Brille der Kriminalität sieht. Da Fallen die Begriffe wie Edelholzbäume im Tropendschungel: Menschenhandel, Sklaverei, Vergewaltigung, Gewalt, Erpressung, Ausnutzung von Armut und prekärer Lage von … Minderjährigen usw. usf. Wer würde da nicht sofort mit unterschreiben?

Aber ist das die Realität in Deutschland? Sieht so Prostitution aus? Niemand bestreitet, dass es zu Menschenhandel, Gewalt und Unterdrückung im Rotlicht-Milieu kommt. Aber hat das etwas mit dem Gesetz zu tun? Wie viele Frauen betrifft das wirklich? Hat man mit den Prostituierten gesprochen, kennt man ihren Alltag? Was ist hier los?

Am letzten Sonntag dann der Tatort zum Thema. Tatort, das ist Gesellschaftskritik subtil verpackt in einem Fernsehfilm. Deutsche Pädagogik vom Feinsten. Denn gleich nach dem Traditionskrimi kam Günther Jauch mit einer Fernsehdiskussion zum Thema: „Großbordell Deutschland – muss Prostitution verboten werden?“. Gott sei Dank saß in der Sendung eine sehr selbstbewusste und ungewöhnlich intelligente „Sexarbeiterin, die Gründerin des Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen Lena Morgenroth.

Ich will die ganze Sache an dieser Stelle nicht aufarbeiten und nicht wiederholen. Aber in diese Diskussion – das Prostituiertengesetz steht auch auf der Agenda der Großen Koalition – mischt sich nun der wunderbare Hamburger Musiker Bernd Begemann mit seinem Welt-Artikel ein. Er bezieht glasklar schon in der Überschrift Stellung: Prostitution ist ein Deal, kein Verbrechen.

Man muss sich das mal bewusst machen: Prostitution ist ein Deal und kein Verbrechen. Es gibt keinen Automatismus, der den Kauf einer Sex-Dienstleistung von einer Prosituierten zu einem Verbrechen macht. Nach bürgerlicher „Moral“ ist es verächtlich und eine Schande, in vielen Teilen der Welt. Viele Religion verachten die Prostitution und geißeln sie. Dabei gab es vor langer Zeit mal die Tempel-Huren, die Tempelprostitution oder kultische Prostitution. Aber wir kommen vom Thema ab.

Bernd Begemann ist unverdächtig. Aber er lebt auf St. Pauli, wie man hier in Hamburg sagt. Woanders lebt man IN einem Stadtteil, auf Pauli aber nicht. Hier hat man nicht nur mit einem gnadenlosen Nachtleben zu tun, sondern begegnet auch den Nüttchen, die hier ihrer Arbeit nachgehen. Manchmal belauscht man unfreiwillig ein Gespräch. Zuweilen kommt man sogar direkt mit Sexarbeiterinnen ins Plaudern oder trifft auch mal einen Zuhälter oder Türsteher, die sich ebenfalls gut auskennen mit der Sache. Man hat also direkten Kontakt zur Materie und deshalb naturgemäß einen anderen Standpunkt, als die Unterzeichner der Anti-Prostitutions-Kampagne.

Alice Schwarzer wirft er seine Perlen für die Füße: „Mit Ihrer werten Erlaubnis werde ich nunmehr wiedergeben, was für die Stricher, Huren, Escort-Männer und -Frauen, die ich das Privileg besitze, getroffen zu haben, das Wort „Prostitution“ bedeutet: einen Deal.“

Er vergleicht die Vorkämpferin für die Emanzipation mit Stalinisten, die genau wie sie, die Welt durch einen bestimmte Brille sähen und sie in Freunde und Feinde aufteilten. Er findet, Frau Schwarzer agiere „ein heimtückischer Demagoge“ und begründet das auch nachvollziehbar: „Was macht ein Demagoge? Er sorgt dafür, dass die Begriffe nicht mehr das bedeuten, was sie bedeutet haben, sondern nunmehr das, womit der Demagoge sie auflädt. Der Demagoge sorgt für eine Umdeutung, die er dem faszinierten Publikum als Gegebenheit verkauft.“

Was Bernd Begemann hier schreibt, hat kaum jemand so deutlich zu „Papier“ gebracht. Und das freut mich. Da ich seine Haltung absolut teilen. Deswegen und weil es ein Hamburger Thema ist, vorgebracht von einem bewundernswerten Hamburger Musiker, schrieb ich diesen Beitrag. Ich will auf den Text hinweisen und zum Nachdenken anregen. und möchte gern mit einem weiteren Zitat darauf schließen: Niemand hat das „Recht, die Welt nach persönlichem Gutdünken zu disziplinieren. Ich sage ‚pfui‘ zum Prostitutionsappell der Emma, weil er diejenigen entmündigen will, denen er zu helfen vorgibt.

Denn das ist für mich grundsätzlich das Problem: 1. Jedem Menschen Eigenverantwortlichkeit zuzutrauen, 2. die Leuten, denen man helfen will, sprechen und kennenlernen und 3. die Kirche im Dorf lassen.

Foto: CC BY-SA 2.0 „Italy-1946“ von Dennis Jarvis

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