Lebensfreude Messe Hamburg 2010

Wir haben uns das mal angeschaut: Die Lebensfreude Messe am vergangenen Wochenende in Hamburg-Schnelsen. Eintritt € 10,- damit die Lebensfreude nicht in Euphorie und überschwingt. Auch von Esoterik wollen Menschen leben, auch heilen kostet Geld. Zwischen Schamanen, Kartenlegerimnen, Aurafotografen, Engelsmalerinnen, Chakren-Wasser-Verkäufern, Buchhändeln, Shiatsu und Rolfing-Spezialisten, Energie-Heilern, Gesundbetern und allerlei anderen merkwürdigen Berufen fanden sich aber auch einige Perlen. Warum auch nicht.

So, wie nicht alles Schmutz ist, was dunkel scheint, ist nicht alles Licht, was strahlt. Es ist ja auch nicht alles Fell, was trommel ist. So wie diese Steeldrum, gespielt und besungen von Jörn Raeck von 1000 Klänge.

Gleich am Eingang traf man auf einen Bussard, einen Falken und einem ziemlich großen Adler aus Sibirien. Im gegen Satz zu den freundlichen Menschen mit großen Lederhandschuhen konnte man die Tiere nicht verstehen. Was wollten die hier? Heilen? Seminararbeit und Therapie mit Greifvögeln – beispielsweise gegen Ängste (ein ständig größer werdender Markt – scheint gerade der letzte Schrei. Das ist natürlich nicht billig. Ich las was von 120 Mäusen für ein Tagesseminar. Aber auch Veranstaltungen zum Thema „Tiere als persönliche Lehrer“ werden angepriesen. Ich hatte zum Beispiel damals einen großen Esel, eine blöde Kuh, einen alten Ochsen und einen Affen als Lehrer. Und jetzt schau mich an! Siehste.

„Laut Experten setzt die Esoterik-Branche inzwischen rund zehn Milliarden Euro um“, weiß die Hamburger Morgenpost. Es ist ein gigantischer Markt, seine Grenzen sind fließend, man könnte mehrere Website mit haarstreubenden, abstrusen Geschichten bestücken. Und vielleicht mache ich das ja mal.

Seltsamer Zufall. Gerade am Tag vor dem Lebensfreudemessebesuch kam mir dieses Buch zu Ohren. „Wer nichts weiß, muss alles glauben“. Darauf fusst nicht nur die gesamte Esoterik-Branche bis hin zu ihren evangelikalen Rändern. Darauf baut sich, so scheint es, beinahe das gesamte menschliche Leben auf: Alles Glaubensfragen, nur wenig Gewissheiten. Wie es mir geradewegs in den Kram passt, dem bin ich am Liebsten zugeneigt. Aus diesem Grund ist die Ergreifung eines esoterischen Berufs, wenn man es geschickt anstellt, ohne große Anstrengungen zu bewerkstelligen. Das sperrige Jargon der Jenseitsfreaks und Karmaseher eignet man sich zwar nicht so schnell an. Aber nach 2-3 Büchern von Autoren, die ebenfalls keine wirklich Qualifikation ihrer Kenntnisse und ihre Glaubwürdigkeit nachweisen müssen, wird es besser. Dann kann man sich auch mit zuweilen gemeingefährlichen Typen auseinandersetzen, die dir mit speziellen Maschinen das Karma ausrechnen und dir weißmachen wollen, dass du krank wirst, wenn du dich deinem Karma nicht stellts. Andere Individuen werden krank, wenn sie solche Scharlatane nicht hinter Gittern sehen, aber das ist ein anderes Thema.

Wir haben uns gefreut, endlich auf lebendiges Wasser zu treffen, fühlten wir uns doch erinnert an das ferne Zamonien von Walter Moers. Nur konnten wir uns mit dem H2O nicht unterhalten und fürchteten zudem, dass sein Domteuer nicht so viel Spaß versteht. Denn treibt einen nicht immer dasselbe in die Arme der selbsternannten Schamaninnen und Geisterseher? Versteckte Depressionen, untaugliche Verarbeitung persönlicher Probleme und ein gehöriges Maß an mangelndes Zärtlichkeit, Berühung im eigenen Leben und der hartnäckige jahrelangen Zustand des Underfuckedseins? Vermutlich.

Andereseits ist die moderen Medizin, mit ihren manchmal korrupten, oft kommunikationsunfähigen, empathielosen Göttern in weiß, oftmals regelrecht Abschreckend und ein Horror. Gut. Am Ende, wenn es wirklich eng wird und man diesen schönen, einzigartigen Planeten verlassen muss, findet man zurück in die morphinen Arme der Schulmedizin. Und manchmal auch zurück in den Schoß der Kirche. Denn Tod ist etwas, was der Esoteriker an sich nicht akzeptieren kann. Man kann sein Karma doch nicht einfach ohne sich zurücklassen. Deswegen geht es immer weiter. Mit diesen Messen.

Immerhin hält man durch so großartige Namen wie Lebensfreudemesse aktuelle Themen besetzt wie Spiritualität, Gesundheit und Ökologie. Und diese Begriff lässt sich leicht alles mögliche kehren. Und es gibt auch hier durchaus sinnvolle und wunderbare Angebote. So traf ich auf die Friedhofsgärtnermeisterin Christine Ebgen, die kostenlose Führungen durch Hamburgs schönsten Park, den Ohlsdorfer Friedhof, anbietet. Vollspektrum-Tageslicht Glühbirnen sind auch etwas wunderbares und man konnte sich auf der Messe darüber ausführlich informieren.

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