Die Verschwundenen von Altona – Schorsch Kameruns Singspiel im Thalia Theater

Schorsch Kamerun ist eine kreative Größe in der Stadt. In Hamburg. In Altona. Der Sänger der legendären Punkband Die Goldenen Zitronen macht schon seit geraumer Zeit auch als Theatermann von sich reden. Jetzt bringt er mit Die Verschwundenen von Altona ein wunderbares „Singspiel“ zu diesem einzigartigen Hamburger Quartier auf die Bühne im Thalia in der Gaußstraße. Lohenswert.

Ich konnte das Stück schon in einer öffentlichen Probe – Uraufführung am 2. März 2012 – bewundern und bin schlichtweg begeistert. Schon allein der Bühnenaufbau einzigartig. Er spiegelt die Elbe unten in Altona, die Perlenkette zwischen Övelgönne und Altonaer Fischmarkt. Der gläserner Wohncontainer mit angeschrägter Glasfassade kommt uns irgendwie bekannt vor. Er gleicht einem Konstrukt und dem schwimmenden Floating Homes am Baumwall und dem Büromonstrum im Form eines Schiffrumpfs Dockland. Oder erinnert uns das Ding mit seiner Kleinfamilie, die ständig in Bewegung ist und ihren Wohnraum verändert an die schwimmenden Asylbewerberheime, die bis Ende 2006 an der Altonaer Elbufer festgezurrt waren? Manch einer in Altona mag sich vorkommen wie ein Flüchtling obwohl er keiner ist. Bedroht von den Mietpreisen in Ottensen und Spekulanten, von den Besserverdienenden und nun auch von IKEA. All das ist hier zu sehen, wenn man es sehen will. Diese Wohnung auf der Bühne im Thalia in der Gaußstraße lässt PLatz für Projektion und Fantasie. Und sie liegt tatsächlich an der Elbe, denn ein Steg, ein kleiner Anleger führt nach unten, zum Wasser, vor dem Publikum. Dort ist ein kleines Boot – ein Rettungsboot, ein Ruderboot für die Sommerfrische? – festgemacht. Ja, das gehört hierher, zu den „Verschwundenen von Altona“.

Floating Home in Hamburg an der Elbe
Floating Home in der Elbe am Baumwall in Hamburg

Vielleicht bin ich auch besonders anfällig für dieses Ensemble. Ich liebe Altona, bin aber kein Alteingesessner. Obwohl gebürtiger Hamburger, lebe ich erst seit 2003 in diesem wundervollen, traditionsreichen Stadtteil an der Elbe. Als ich hierher gezogen bin, fühlte ich sofort: Hier gehöre ich her. Und warum bin ich nicht längst nach Altona-Altstadt oder Ottensen gezogen. Doch jetzt scheint sich alles sehr schnell zu ändern in diesem Quartier, das sich traditionell durch seine gesunde Mischung der Lebensformen auszeichnet. Lange Jahre war das Gebiet zwischen Fischmarkt und Othmarschen Arbeiterviertel. Viele Türken haben sich in den letzten Jahrzehnten hier angesiedelt, weil der Hafen am anderen Ufer der Elbe in den 70er und 80er Jahren der Hauptarbeitergeber war und ständig neue Arbeitskräfte braucht. Und Altona hat eine alte Tradition als freie Stadt und ein Zentrum der Aufklärung. Aber das ist eine andere Geschichte.

Jetzt fühle ich mich als Altoner und möchte nirgendwo anders leben und sehe dieses Stück Die Verschwundenen von Altona von Schorsch Kamerun. Der steht vorne recht vor dem Wohncontainer mit Anleger inmitten eines kleinen Streichterzett mit Klavier. Er rezitiert wundervolle Texte zu einer seltsamen, intensiven Musik, die offenbar sehr experimentierfreudig an Zwölftonmusik erinnert. Ein eigenartiges Kammerkonzert. Mit Text. Altona ist seit langem eine Zentrum der Kunst, der Hamburger Kunst, es ist ein kreativer Stadtteil … im besten aber auch im schlechtesten Sinne. Kreativität zur Haltung erstarrt, in unendliche – und unbezahlte – Überstunden gegossen, in Coolsein, Dabeisein, Modernsein, Dasein. Aber das hat nichts mit Schorsch Kamerun zu tun und erst recht nichts mit der Musik von Carl Oesterhelt, in die er seine lyrischen Altonaer Alltags-Texte bettet. „Heute wachsen so schnell die Kinder und die Mieten“.


Musiker: James Guey (Piano), Henrike Petter (Cello), Maria Rothfuchs (Kontrabass) und Sonja Stein (Violine). Sängerin neben Schorsch Kamerun: Franziska Hartmann

Unter dem Titel Die Lyrik der Yuppisierung erschient in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung eine Kurzkritik vo Katja Kullmann zu Die Verschwundenen von Altona. Dort schreibt sie: „Kamerun ist ein Genie des Alltagsssprech-Samplings, liefert eine mal feinsinnige, mal brachial ironische, stets bittersüße Yuppisierungslyrik. Dutzende Altonaer Anwohner hat er interviewt. Entstanden ist eine hoch verdichetete Sprachcollage, die von gängigen urbanen Bedrohungen erzählt, von Statusangst, Verdrängung, sozialer Segregation. ‚Jugendstil in Ruhe lassen! Südbalkon und Dachterrassen‘ – Altona ist überall.

„Euer Viertel ist eine Firma“ singspricht Kamerun. Es meint, die von der Recht auf Stadt-Bewegung heftig kritisierte Marke Hamburg, die sich die Stadtoberen vor ein paar Jahren haben einfallen lassen und die von der Hamburg Marketing GmbH sozusagen vertrieben wird. „Lebst du oder willst du wohnen?“ ist ein weiterer Satzfetzen und bezieht sich auf die bald über uns hier hereinbrechende Katastrophe von Ikea in Altona. Alles, alles scheint nur noch eine Sache des Marktes und des Marketings. Auch in Altona, das sich immer wieder tapfer gegen doe „akademischen Nichtraucher und die „reiche Mutti auf dem Spielplatz“ wehrt, gegen Schlagwörter und Scheinbilder von „Wohn-Wohnungen, Design und Menschen“.

Euer Viertel ist eine Firma: Dockland an der Elbe in AltonaDockland an der Elbe in Altona. „Euer Viertel ist eine Firma.“

Wir sind die 99%. Aber nicht mehr in Altona. Der Stadtteil verändert sich. Stetig. Wie anderswo auch, wie alle Stadtteile überall. So ist das Leben, das muss man akzeptieren. Aber man kann mitgestalten. Ich lebe gern in Altona, es gibt hier viele fantastische Menschen und es noch nicht alles der rücksichtslosen Marktmacht anheimgefallen. Natürlich, immer mehr erfolgreiche Musiker, Marketingchefs und Schauspieler lassen sich im Ottensener Jugendstil nieder. Ihre Plagen bereichern die Spielplätze mit besonders viel elterlichem Glück und wirklich schicken Babyklamotten. Wenn sie kommen, verschwinden andere. Die ziehen vielleicht nach Rothenburgsort oder Wilhelmsburg. Obwohl … dort auch.

Die Verschwundenen von Altona ist kein „Theaterstück“. Es ist ein Schauspiel, ein schauspielerisches Singspiel oder singspielerisches Schaustück. Mit ihm verarbeitet Schorsch Kamerun auf seine unvergleichliche Art die Veränderungen in Altona, in seiner, in unserer Stadt. Ich kann ihm da gut folgen. Es gibt keine Rezepte, wie es anders ginge. Es ist eine Bestandsaufnahme. Sie wird diejenigen, die dieses Stadtteil mit ihrem viele Geld prägen nicht erreichen, weil die ganz andere Sorgen haben, als sich diese unbedingt empfehlenswerte Stück anzusehen. Ich jedenfalls wünsche diesem Musiktheater einen langanhaltenden Erfolg. Es ist ein wichtiges Stück.


Die Verschwundenen von Altona: „Hab nicht so viele Erwartungen, sonst vernichteten sie dein Haus.“

Altona hat eine bewegte Vergangenheit. Wie hat sich dieses besondere Quartier verändert, und wie wird es in 100 Jahren hier aussehen? Zahlreiche Interviews mit Bewohnern über ihren Stadtteil übertragen vier Musiker, vier Schauspieler und Schorsch Kamerun als Sänger in ein theatralisches Live-Konzert. Kamerun schafft aus Widersprüchen des Selbstverständnisses der Stadt, Alternativ-Kulturresten und profitabler Imageoptimierung einen Musiktheaterabend mit Schauspielern und Musikern.
Quelle: Thalia Theater

Thalia in der Gaußstraße: Die Verschwundenen von Altona
Thalia in der Gaußstraße: Die Verschwundenen von Altona

Die Verschwundenen von Altona
Uraufführung am 2. März 2012
Weitere Termine:
Sa,03.03.2012 20.00 Uhr
Sa,17.03.2012 20.00 Uhr
Do,22.03.2012 20.00 Uhr
Fr,23.03.2012 20.00 Uhr

Karten: 26,- Euro, ermäßigt 12,- Euro
Kartentelefon: 040 / 32 81 44 44
Kartentafax: 040 / 32 81 42 12
ABO-Infos: 040 / 32 81 44 33
Gruppenbestellungen: 040 / 32 81 44 22

Thalia in der Gaußstraße
Gaußstraße 190
22765 Hamburg
Telefon: 040 306039-0

http://die-verschwundenen-von-altona.com

Weblog Schorsch Kamerun

Die Verschwundenen von Altona im Thalia-Theater

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