Nach der Ecke atmen

Eine unbekannte Künstlerin schafft Kreidekunst auf dem Bürgersteig vor unserer Haustür. Ist sie frisch verliebt? Ist das Kunst oder kann das weg? „Tat Tvam Asi“ prangt auf dem Pflaster, „Das bist du“! Oder wurde sie erleuchtet? Sie wollte mir nicht Auskunft geben, sprach mit ihren Zeichnungen.

„Halt, was machen Sie da?“ Ich ertappte sie bei ihrem geheimnisvollen Werk, als ich meinen Motorroller am Straßenrand aufbockt. Mein kleiner Scherz in bester Hausmeistermanier kam aber nicht an, weil er nicht verstanden wurde. Egal. Ich ließ nicht locker und drängte ihr ein Gespräch auf, ein paar neugierige Fragen. Wie ich so bin.

Zunächst Siezte ich sie, als sie sich aber schnell als recht locker entpuppte, wechselte ich zum vertrauteren Du:
„Bist du Künstlerin?“
„Wie kommst du darauf?“
„Was soll das sein?“
„Muss du nicht zur Arbeit?“
„Ist das ein Projekt? Von wem denn?“
„Bekommst du dafür Geld?“
„Hast du einen Sponsor?“
„Hast du Geld?“
„Machst du das öfter?“

Und so weiter …

Ein erotisches Motiv?

Sie wollte nicht recht rausrücken mit ihrer Geschichte und stellte – hört, hört – Gegenfragen. So fand ich eigentlich gar nichts über sie heraus. Es könnte sein, dass sie just umzieht, gerade nach Hamburg gezogen ist. Auf der Rückbank ihres schicken Autos befanden sich Umzugskartons und ihr Nummerschild zeigte „HK“. Früher war „HK“ das Kfz-Kennzeichen der US-Streitkräfte in Deutschland, heute bezeichnet es den ominösen „Heidekreis“, eine Steppenlandschaft mit Schafen und Pferden. Also stammt sie aus Heidelberg? Ihr Akzent konnte das nicht bestätigen, denn sie hatte gar keinen.

Also muss ich spekulieren. Das Bild über den vorigen Absatz ist eindeutig ein erotisches Motiv: nämlich ein weibliches Geschlecht, die weibliche Scham, die sich nach oben ihren Weg in die zwei Eierstöcken sucht und ihren Höhepunkt in der Klitoris, die dazwischen prangt. Darüber zwei zickige Blumen. Zusammen mit den Schriftzeichen und den anderen seltsamen Motiven, lässt das nur einen Schluss zu: Die Frau ist verliebt. Sie wirkte entspannt und sexy. Sie fließt über und macht etwas Befreiendes, Ungewöhnliches. Vielleicht ist sie sogar schwanger.

Aufgrund des Mandalas in der Erdmannstraße und des hinduistischen Ausrufs „Tat Tvam Asi“ (Das bist du!) mit dem Pfeil Richtung Buddha, könnte auch einiges für eine Erleuchtung sprechen. Und das am helllichten Tag mitten in Ottensen!

Die Nachbarschaft hat ihre Strassenkunst längst bemerkt und ist begeistert. Nicht zuletzt über das Rätsel, dass ihr die merkwürdigen Sprüche und Figuren aufgeben. Das einzige, dass die Künstlerin dazu bemerkte war: „Hier gehen sie morgens zu Arbeit – in diese Richtung – und dorthin gehen sie abends nach Hause.“
„Und umgekehrt“, bemerkte ich.

Und in der Tat führt die Spur, angefangen bei den Luftballons, von einem Wohnhaus zu der Tiefgarage in unserem Block, die nicht nur von unserer Nachbarschaft genutzt wird. Denn vor der Ein- bzw. Ausfahrt befindet sich dieses Vulvading, das auch ein Symbol für ein bestimmtes Universum gelten kann. Aber für welches?

Tat Tvam Asi

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