Crossing The Bridge

Crossing The Bridge – The sounds of Istanbul“ von 2005 ist sicher immer noch einer der besten Musik-Filme und eine der besten Dokumentationen über Istanbul, die es gibt. Wir sahen den wundervollen Film gestern zur Fatih Akin Werkschau im Zeise-Kino. Im Anschluss standen Kameramann Hervé Dieu und Cutter Andrew Bird Rede und Antwort zu Fragen über die Produktion dieses ungewöhnlichen Streifens Musikgeschichte „Crossing The Bridge“.

Crossing The Bridge folgt Alexander Hacke, dem Bassisten der Einstürzenden Neubauten, tief hinein ins geheimnisvolle, wuselige, fremdartige musikalische Instanbul. Ich hatte diesen einmaligen Film schon einmal im Spät-TV gesehen, wahrscheinlich 3Sat oder Arte, ich weiß es nicht mehr. Damals hatte ich nicht mitgekriegt, dass er von Fatih Akin ist. Auch von Alexander Hacke hatte ich nie gehört und mir ist ebenfalls entgangen, dieser ungewöhnliche Mann regelmäßig mit Akin arbeitet. Und das als Hamburger Musiker, der ich von Hause aus bin.

Crossing The Bridge zieht mich sofort in seinen Bann und es kaum möglich, von den Menschen und ihrer Musik nicht berührt zu werden. Mir ist es kaum möglich, bei den vielfältigen Rythmen und fremden Melodien ruhig im Kinosessel zu sitzen. Der Film beginnt mit eher westlich inspirierter Musik wie Rock und Hip Hop und endet mit klasischer türkischer Musik; Musik, bei der die türkischen Kinobesucher (von denen kaum jemand dort war) allesamt mitsingen (können).

Normalerweise, so hieß es vor der Vorstellung, sagt man, Dokumentation und Serien (wie diese Werkschau) würden im Kino nicht funktionieren, aber das Zeise war sehr gut besucht und da ich jeden Film der Akin-Werkschau bisher gesehen hat, weiß ich, dass es der bestebesuchte Film dabei war.

Es gibt eine paar spannende und beindruckende Statements in Crossing The Bridge, wie beispielsweise zu Anfang zu der Musik von Orient Expressions:
Für uns ist es kein Problem mit westlichen oder östlichen Einfüssen zu arbeiten, denn wir haben nicht so ein naives Konzept, dies unbedingt überbrücken zu müssen. Die Idee, dass der Osten der Osten ist und der Westen der Westen und es keine Verbindung zwischen beiden gibt, ist Bullshit. Das ist eine historische Lüge. Es wurde für Jahrhunderte verkündet und durch die Machtstrukturen, die existieren, zementiert …

Ich mag diese Aussage sehr, weil wir im Alltag diese Dinge kaum noch hinterfragen, ständig nach Schubladen suchen, alles irgendwo einsortieren wollen, wo wir es leicht wiederfinden, wirklich jeden und alles in festumrandete Kategorien gießen, es mit eindeutigen Eigenschaften und mit einem ganz bestimmten Schlagwort belegen müssen, weil wir uns sonst scheinbar nicht mehr auskennen würden. Für Menschen, die etwas ausprobieren wollen, die gerne experimentieren, neugierig sind auf sich selbst und auf das Leben sind diese Schubladen untauglich und oftmals sehr hinderlich.

Strassenmusik in Crossing The Bridge: Hayyam von SiyaSiyaBend

SiyaDiyaBend in „Crossing The Bridge“

Sie wissen gar nichts,
denn sie möchten nichts wissen.
Sie sehen gar nichts,
denn sie möchten nichts sehen.

Schau sie dir an, die Unwissenden,
ihnen gehört die Welt.
Schau sie dir an, die Unwissenden,
ihnen gehört die Welt.

Wenn du nicht zu ihnen gehörts,
nenn sie dich „böse“.
Hör nicht auf sie, mein Freund.

Manchmal wissen selbst diejenigen, die sich Künstler nenne nichts. Wie oft sind mir hoch intelligente, doch straff-arrogante Künstler begegnet. Nicht nur die Musik in diesem Film ist anders, auch die Menschen sind es. Sie scheinen viel warmherziger und menschlicher zu sein als wir …

In Istanbul fließen die Einflüsse der verschiedenen Traditionen und Kulturen zusammen und bilden etwas Einzigartiges, dass es so nicht noch einmal auf der Welt gibt.Crossing The Bridge. Istanbul wie auch die Türkei finden sich auf dem europäischen wie auf dem asiatischen Kontinent, beides bilden offenbar eine Brücke zwischen dem Morgen- und dem Abendland. Wenn man es so sagen will.

Hamburg und Istanbul haben einiges gemeinsam. Auch hier fährt man über eine große Brücke und befindet sich irgendwie auf einem anderen Kontinent (nämlich südlich der Elbe), in einer anderen Welt. Doch wenn man diesen Film sieht, begreift man sehr schnell, dass Istanbul einen großen Schatz hat, einen kulturellen Reichtum, den keine Hansestadt der Welt zu bieten hat.

Beeindruckend, wie selbst die jungen Leute, die jungen Hip-Hopper sehr großen Respekt vor den sozusagen „Schlagersängern“ haben und diese, wie beispielsweise Sezen Aksu, aufrichtig bewundern – und von ihnen stark beeinflusst wurden. Ich finde das toll. Und ganz normal.

Denn hier in Deutschland wirst du selbst von progressiven jungen Leuten schief angesehen, wenn du Musik magst, weil sie gut ist und dir egal ist, wie sie heißt und von wem sie stammt. Und vielleicht dreht sich dieser Film – Crossing The Bridge – neben seiner aufrechten Begeisterung für die Vielfalt der Musik in der Türkei um genau das: Toleranz – herzliche, aufrechte und warme Toleranz!

Video: Ein Tag am Bosporus in Crossing The Bridge, auf einem Boot auf dem Meer und Musik machen – mit Alexander Hack am Bass und wunderbaren Brenna MacCrimmon

http://de.wikipedia.org/wiki/Crossing_The_Bridge_The_Sound_of_Istanbul

Foto: Kivanc Nis

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