Gängeviertel – Lichterkette, Zeitzeugen und Räumung
| 27. Oktober 2009 von Mark Max Henckel
Einen solchen Skandal, wie den kläglichen Rest eines historischen Viertels einfach zu verschachern, hat es nach meinen Begriffen seit Senator Schill (auch von Ole ins Amt gehoben) nicht mehr gegeben. Hauptverantwortlich ist Finanzsenator Michael Freytag, von dem kein Mensch weiß, was den geritten hat. Doch in den weitläufigen, filzigen, konkurrierenden Verwaltungen der Stadt Hamburg weiß offenbar kaum jemand, was wen geritten haben könnte. Klein beigeben tun die jedenfalls nicht. In dem internen Chaos dort scheint es nur noch um Eitelkeiten, Trotz und Machtgeplänkel zu gehen. Oder auch, wie Welt-Redakteur Per Hinrichs in seinem heutigen, sehr lesenswerten Artikel meint: Bunter als der Protest in der Neustadt scheint nur die Meinungsvielfalt in den Hamburger Behörden zu sein.
Es ist dies die Frage, die viele Hamburger in diesen Tagen und diesem Konflikt bewegt: Wie kommt man dazu, diese baufälligen, doch charmanten und geschichtsträchtigen Gebäude zu veräußern, zu verkaufen und damit den quasi letzten Rest von Charme in der Hamburger Innenstadt zu zerstören?
Es ist das Verdienst der äußerst engagierten Künstler der Initiative “Komme in die Gänge” auf diesen Skandal aufmerksam gemacht und rechtzeitig den Rest des Hamburger Gängeviertels besetzt zu haben … und mit großzügiger Duldung des Senats mittels ihrer Ateliers und Aktionen das Licht von Kultur und Liebe dort anzuzünden. In diesen Zeiten, in denen fast überall nur noch das Gesetz des Geldes – also das Gesetz des Stärkeren und das der Renditen – herrscht.
Um so erfreulicher, dass nicht nur das Hamburger Abendblatt und Die Welt auf Seiten der Künstler – und damit der Bevölkerung – steht, sondern dass sich sehr viele Hamburger für das Schicksal der Künstler und der Gebäude interssieren und solidarisch sind gegen diesen skandalösen Ausverkauf von Kunst und Kultur mitten in der alten Hamburger Hansestadt.
Oder, wie der stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts Karl Günther Barth es in seinem Meinungs-Artikel “Jetzt muss es der heimliche Schirmherr richten ..” ausdrückte: Der Charakter des letzten historischen Arbeiterviertels würde wohl in sein Gegenteil verkehrt. Stattdessen die übliche einfallslose Architektur, wie sie Investmentfonds so lieben – und von der wir wirklich genug in unserer Stadt haben.
Es war sehr spannend und interessant in der “Fabrik” des Gängeviertels von Zeitzeugen ein paar Geschichten über diese Gebäude und deren Geschichte zu erfahren. So ist der jetztige Käufer/Interesant Hanzevast schon recht lange im Gängeviertel finanziell aktiv. Hier ein kleiner Ausschnitt:
Ich hätte nicht gedacht, dass sich so viele Zuhöhrer in dem realtiv kleinen Raum der sogenannten Fabrik am Valtentinskamp im “Gängeviertel” einfanden. Überwiegend ältere Herrschaften, was mich noch mehr erstaunte. Liegt das etwa an der lobenswerten Berichterstattung des Hamburger Abendblatts?
Für den interessierten Hamburger aber waren einige wesentliche Informationen lang bekannt. Etwa dass das Gängeviertel (von dem nur noch ein kleiner Teil hier existiert) so heißt, weil die Häuser so eng beieinander gebaut waren, dass regelrechte Gänge dazwischen entstanden sind (und nicht etwa die geheimnisvollen Gänge UNTER dem Viertel gemeint waren); dass Hamburg einst viele holländische Aussiedler beherbergte, die nicht nur ihr Handwerk sondern auch viele Begriffe beisteuerten, wie etwa CAFFA, der Name eines schweren Samtstoffes in dem Straßennamen Caffamachereihe …
Die Musik zwischendurch besorgte das Ensemble Blond + Blau, das Lieder aus den 20er-Jahren zum Besten gab. Als Musiker kann ich mir jedoch einen Rat an die Sängerin Britta nicht verkneifen: Falsett machst du sehr gut, aber die tiefen Lagen – du bleibst ja nicht beim Alt, sondern versuchst gar einen Bass – solltest du meiden!
Seit Montag ist jetzt die Fabrik und die Druckerei von den Künstlern zur Übergabe an den Käufer geräumt. Wie es in der Pressemeldung dazu heißt:
Die Initiative verhindert daher mit ihrer Räumung der Gebäude, dass durch Schadensersatzforderungen in Millionenhöhe von Hanzevast unnötig Steuergelder verschwendet werden. Dieses Zugeständnis versteht die Initiative nicht als Rückzug. Mit dieser Räumung verbindet die Initiative wichtige Forderungen, wie etwa die Offenlegung der Verträge mit Hanzevast. Hier mehr dazu …
Website Initiative Komm in die Gänge
Intiative Recht auf Stadt
http://www.blondundblau.de
Mehr über: Gängeviertel, Kultur, Skandal, Stadtentwicklung












ist doch nett, wenn solche sachen friedlich und geordnet ausgehen.
Bernd Helmut Frank