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Frappant

Drucken | 19. Januar 2010 von Mark von Gestern

Altona-Altstadt, Brandheiß, Featured

Frappant

Mancher alter Altonaer könnte meinen, das Frappant hätte schon immer dort gestanden. Was er sicher weiß ist, dass das Elend vom Kiez, von der Holstenstraße über die Louise-Schröder-Straße und der heruntergekommenen Großen Bergstraße, bis zum Altonaer Bahnhof reicht. Hier wollen sie alles plattmachen.

Der hässliche Altonaer Bahnhof hat seine Schuldigkeit getan und darf sterben. Wohnungen werden draufgepropft, sie wollen noch mehr jung-dynamische Gutverdiener ansiedeln, denen sie ihren gesammelten Irrsinn verkaufen können. Wie es überall in diesem Land auch funktioniert.

Erst das Verdienen – dann die Menschlichkeit. Ich verstehe die Pro-Ikea-Initiative der kleinen Geschäftsleute in der großen Bergstraße! Es geht um ihre Existenz. Doch mehr als Ikea fällt auch ihnen nicht ein.

Sie werden einen dicken, rauschenden und gasigen Autobahnzubringer vom Bahnhof nach Stellingen bauen. An der alten Holstenbrauerei vorbei, durchs Gewerbegebiet vielleicht. Sie gefallen sich diese Bezirkspolitiker wenn sie eine ganze Stadt in der Stadt verwesen, verheeren und verschwinden lassen. Das gute alte, traditionsreiche und romantische Altona scheint durch diese unglücklichen Figuren zum Tode verurteilt. Der Streit der Initiativen sind die Schmerzensschreie der alten Welt.

Ikea. Frappant. Altona. Zuflucht.Es gibt eigentlich nur noch die Kunst, zu der man Zuflucht nehmen kann. Wenn man die Stadt nicht stehenden Fußes verließe. Nur die Kunst kann in diesem Wahnsinn noch Halt und Nahrung geben. Deshalb gibt es diese wilden Pirateninseln Frappant und Gängeviertel in der Karibik der Haie und Bausöldner. Diese Handvoll Piraten haben die Träume der Investoren und ihrer Politiker ermordert. Doch die wachsen nach, es sind zu viele Weiße und zu wenig Indianer. Sie werden sich weiter nach Westen ausbreiten.

Das letzte Dorf der Germanen an der Grenze zum blauen Wellblechland der Missionare ist das Frappant. Tauche ein in die Ausstellungen der Künstler und der jungen Studenten, die hier ausprobieren, wie es wäre in der Wildnis zu leben. Doch die, die das Sagen haben, wollen nicht, dass noch jemand will in der Wildnis zu leben. Dort können sie ihnen nämlich nichts mehr verkaufen. Keine Ideen, keine Reisen, keine Teppiche.

Es hilft nur Kunst und Romantik. Träume helfen bei dem Kampf gegen schwedische Drachen. Die Stadtmusikanten will niemand mehr haben, sterben sollen sie, geschlachten sollen sie werden. Doch sie finden sich zusammen und machen mächtig Radau und werden gewinnen, weil sie immer gewonnen haben. Und wenn nicht hier, dann anderswo. Anderswo, wo nicht so viel Hartherzigkeit herrscht!

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SPIEGEL Online erklärt in dem guten Artikel Zoff um erste City-Filiale – Ikea vermöbelt Altona was “Gentrifizierung” ist: Die Aufwertung ärmerer Wohngegenden führt erst zu steigenden Mieten und schließlich zum Wegzug jener Bürger, die sich das neue Niveau nicht mehr leisten können.

Ich ergänze: Jene Bürger ziehen weg, die diesen Standort, den Stadtteil erst für die Spinner mit dem Geld so attraktiv gemacht haben. Siehe St. Pauli und Ottensen.

St. Paulis verruchte Athmosphäre ziehen Spanner und Gaffer aus der ganzen Welt an. Und einige, die es sich leisten können, lassen sich in den Glaspalästen auch mal als Firma nieder, aus dem sie das Elend und das Abkratzen viel besser beobachten können, als im Flatscreen. Und jeder der in Ottensen einzieht zehrt von dem kreativen, elitären Flair, von dem Heilenden, das aus den vielen Therapeuten-Praxen durch die Straßen wabert. Hier ist lockeres Sehen-und-gesehen-werden und fröhliche Konkurrenz im maskenhaften Dazugehören jede Cent wert …

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