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Historisch: DFB Pokal St. Pauli vs. Bayern München

Drucken | 16. Oktober 2009 von Mark von Gestern

Fußball, Historie

Historisch: DFB Pokal St. Pauli vs. Bayern München

Diese Überschrift war auf einem Plakat 2006 im Stadion gestern Abend zu lesen. Die Fans, wir alle hier, sind stolz auf ‘unsere’ Mannschaft. Bericht aus dem Herzen der Stadt!

Der FC St. Pauli hat das Ding mal wieder versemmelt und grandios verloren, doch einen unglaublich spannenden, begeisternden Angriffsfußball dargeboten. Wären die Baynern nicht so effektiv, könnten sie sich durchaus mal eine Scheibe davon abschneiden. Jedenfalls haben die Kicker vom Hamburger Kiez, so meine ich, sicher so manches Herz in Fußball-Deutschland an diesem Abend im Sturm erobert.

“Der Trainer hat auch so eine erotische Stimme…”

Wir hatten einen ruhigen, erstklassigen Platz in einem Café in der Nähe des Stadions inmitten St. Paulis ergattert und berauschten uns an dem leidenschaftlichen Spiel der Paulianer und an der feixenden Stimmung unter den Gästen (“… man müsste die Tore einfach woanders hinstellen, dann…”)! Die Athmosphäre war erwartungsfroh und kribbelig, die halbe Stadt schien durchzudrehen.

Hier ein paar Impressionen:

Ein Mini-Stadion für den Hausgebrauch wird aufgestellt. Der für diesen Anlaß extra herbeigekarrte Kronleuchter soll den Fußballgott gnädig stimmen und den spontan bestellten Napfkuchen mit Kokosstreuseln einen Hauch von Fußball nehmen. Irgendwie so.

In der Zwischenzeit proben zwei zauberhafte Gesangskünstlerinnen ihren Auftritt bei meinem Event und m0hen die Arie Barcarole zweistimmig. Wirklich toll!

Ein ARD-Experte erklärt die Kräfteverteilung auf dem Platz im Spiel der Bayern gegen die gutaufgelegten Kiez-Kicker aus dem hohen Norden der Republik.

Drei-Weizen-Waldi stellt sein legendäres Interview mit Tante Käthe aus dem Jahre 2003 mit einem eher unbegabten Laiendarsteller nach. Im Hintergrund schmaucht Leidenschaft, die Zuschauer brennen.

Knut Kircher pfoff das Spiel. Hier, in aller Öffentlichkeit, vor einer drohenden Lanze beim Münzwurf mit Titan Oliver King Kahn und dem Paulikapitän (“Der sieht ja toll aus!”), dem superattraktiven Halbitaliener Fabio Morena (25).

Im Stadion gibt es Gänsehaut: “Auf gehts Zecken schnorrt ein Tor”. Die Stimmung in GANZ St. Pauli ist fantastisch. Alte Rituale, wie das schwenken von selbstgefärbten Bettlaken und das pulkartige Umherrennen auf den Straßen des Sündenviertels, haben heute einen charmant-feierlichen Unterton. Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus.

Der Fußballzwerg hat auch entsprechende Fans. Sie gehören zu den treuesten der Getreuen und auch zu den humorvollsten und friedlichsten des gesamten Landes. Es ist im Grunde eine einzige Freakshow und es gibt allenthalben etwas zu lachen.

Fußball ist ein körperbetontes Spiel. Der FC St. Pauli kämpft aufopferungsvoll und mit Herz um jedes Bein. Man rennt giftig und geschwinnt die grobe Ackerscholle hinauf und hinab, erarbeitet sich wunderschönen gelben Karton. Der Trainer schreit und stampft am Rande des Geschehens, man möchte dirket von ihm eingewechselt werden. Die Silhouette eines Riesenrades am Nachthimmel.

Der kürzlich noch strauchelnde Titan im Tor der Süddeutschen, fliegt mit einer Glanzparade über sich selbst hinaus und kratzt den scharfen Kopfball von Felix Luz in der 54. Minute im letzten Moment aus dem schönen guten Abend. Das Runde war schon fast im Eckigen und das Spiel hätte die entscheidende, nämlich die richtige Wendung bekommen – wenn dieser Kerl nicht so weltmeisterlich gehalten hätte! Mein lieber Herr Gesangverein!

Leider – es hilft alles nichts. Nach dem späten und unverdienten 0:2 ist das Spiel verloren. Das wissen auch die Fans und singen – wie immer – You never walk alone.

Es sollte nicht sein – ich freue mich trotzdem, denn das hier war und ist Fußball; ich liebe diesen Sport mit dem ganzen irrsinnigen Drumherum; es war ein Spiel nach meinem Geschmack; es ist nicht wirklich wichtig, wer gewinnt, sondern dass es ein packendes Match war, ein Krimi; und ich freu mich hier, mitten im Herzen von Hamburg zu leben, all das mitzubekommen, irgendwie dazuzugehören, und, vor allem freue ich mich auf die heraufschwelende Fußballweltmeisterschaft.

Da ich gestern nicht so falsch lag mit meiner Prognose, lege ich mich jetzt fest und sage: ITALIEN wird Weltmeister 2006! Denn Italien ist quasi das St. Pauli Europas, nur ganz anders…


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Frohe Ostern allerseits!

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